Hier steht der Leser nicht im Mittelpunkt

Mittwoch, 06. Oktober 2010

Der Kommunikationsmanager ist eine Zeitschrift, die vom F.A.Z.-Institut und der Firma PRIME research international herausgegeben wird und die ich als Mitglied des PR-Berufsverbandes DPRG monatlich zugeschickt bekomme. Sie ist vor allem ein Forum, in dem sich PR-Manager von großen und wichtigen Unternehmen und PR-Agenturen mit großen und wichtigen Themen darstellen können.

So bekennt der Leiter der Konzernkommunikation der Deutschen Post AG im aktuellen Heft vom September 2010, dass er sich als Spielertrainer für sein Team versteht und der Leiter Corporate Communications der Lanxess Deutschland GmbH erklärt unter der Überschrift „Gut für das Geschäft, gut für die Gemeinschaft“ in der Rubrik „Best Practice“, wie das Unternehmen, für das er arbeitet, „unternehmerische Verantwortung versteht – und wahrnimmt“.

Außerdem kommen Vertreter von Coca-Cola, der Allianz, Ford und Cisco zu Wort. Sie alle verraten dem Leser, was sie wie richtig machen in Sachen Kommunikation. Irgendwo hatte ich einmal gehört, dass professionelle Kommunikation Dritte dazu bringt, Gutes über einen zu sagen. Das gilt im vorliegenden Fall wohl nicht.

Wie bestimmt keine Bilder im Kopf entstehen

Interessant ist die Sprache: Aus dem Heft fallen Beilagen zum „4. Deutschen Marken-Summit“ (von F.A.Z.-Institut und „Kommunikationsmanager“) und dem „Deutschen Image Award 2010“ (von den Herausgebern und der DPRG) , zur Konferenz „Chefsache Issues Management“ (von einer Agentur) und zum „Part-time program for experienced professionals“ zum „Executive Master of Science in Communications Management“.

Gut, das letzte Angebot stammt von einer Schweizer Hochschule mit Englisch als Lehrsprache. Alle anderen Titel versuchen mit hochtrabenden englischen Bezeichnungen Modernität und Kompetenz zu suggerieren. In der Zeitschrift selber geht es nahtlos weiter: Bei der Überschrift „Smart Grid: ‚Laßt Bilder in den Köpfen entstehen'“ frage ich mich, welche Vorstellung hierbei entstehen soll.

Bei „Internal Branding – damit Arbeit Sinn macht“ erfährt der Leser natürlich nicht, warum er sich von montags bis freitags morgens aus dem Bett quält. Weitere Überschriften zu deutschsprachigen (!) Beiträgen: „Leadership statt Management: Führung durch Kommunikation“, „As we grow, you grow“.

Englisch, Englisch, also wichtig, wichtig.

Auf Deutsch könnte man die Inhalte ja nicht so treffend ausdrücken und es klingt auch nicht so schön.  Dieses Argument erinnert mich ganz stark an die Zeiten, als noch kein deutscher Musiker außer Udo Lindenberg in seiner Muttersprache singen wollte und diese dem Schlager und der Volksmusik vorbehalten war.

Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, der die Sprecher oder Schreiber dazu bringt, ihre Weltläufigkeit und ihre fachliche Kompetenz mit englischen Ausdrücken beweisen zu wollen? Eher nicht, denn es handelt sich um hochqualifizierte Kommunikatoren in herausragenden Stellungen.

Dann kann es nur Bequemlichkeit sein. Wie sagte der Journalist Wolf Schneider: „Wenn ein Text über einen komplizierten Vorgang verstanden werden soll muss einer sich plagen – der Schreiber oder der Leser… Berufsschreiber sind Leute, denen man zumuten sollte, die Plage selbst zu tragen. Sie brauchen Service-Gesinnung.“ (Aus: Wolf Schneider: Wörter machen Leute, erschienen beim Piper-Verlag München)

Wenn aber schon den Kommunikationsverantwortlichen die Service-Gesinnung fehlt, von wem soll man diese in einem Unternehmen noch erwarten können?

F.  Stephan Auch