Mehrblick

Sprache in Wirtschaft und Technik

Nachhaltig, umweltfreundlich, klimaneutral – alles nur Worthülsen?

28. März 2012

 

Umweltbewusstes Wirtschaften liegt im Trend und wird mit Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ oder „Klimaneutralität“ von Unternehmen gerne beworben. Vielfach handelt es sich um reine Versprechen. Doch Umwelteinwirkungen von Produkten und Verfahren lassen sich etwa mit einer Ökobilanz ermitteln und bei methodisch gleichem Vorgehen auch vergleichen. Als Beispiel:  Wie „nachhaltig“ war  die Abwrackprämie?

Abwrackprämie 2009 (Quelle Bild: uschi dreiucker / pixelio.de).

Unter ihrem offiziellen Namen „Umweltprämie“ kennt heute kaum jemand den Zuschuss von 2.500 Euro, den der Staat 2009 einem zahlte, wenn man sein altes Auto verschrotten ließ und sich dafür einen Neuwagen zulegte. „Abwrackprämie“ wurde nicht nur der gebräuchliche Begriff, sondern auch Wort des Jahres 2009.  Primär hatte die Umweltprämie den Zweck, die schwächelnde Wirtschaft anzukurbeln. Aber wie umweltfreundlich ist überhaupt die Verschrottung eines noch funktionierenden, zugelassenen Autos? Wann ist der Ressourcen- und Energieverbrauch, der bei der Herstellung des Neuwagens anfällt, durch seinen geringeren – dies sei einmal vorausgesetzt – Spritverbrauch „amortisiert“? Denn die Abwrackprämie war nicht an ökologische Bedingungen für den Neuwagen geknüpft, wie vergleichbare Subventionen in anderen Ländern.  Antworten auf die Fragen zur Umwelteinwirkung liefert die Ökobilanz – zumindest teilweise.

Ökobilanz: Von der Wiege bis zur Bahre

Eine positive Bilanz der Abwrackprämie für die Umwelt zog das Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) – wohlgemerkt beauftragt vom Bundesumweltministerium. Spritverbrauch und CO2-Ausstoß der Neuwagen sollen rund 20 Prozent niedriger sein als bei den verschrotteten Fahrzeugen. Die Verringerung der Luftschadstoffe, wie etwa Rußpartikel, soll sogar 99 Prozent betragen.

Umwelteinwirkungen der Herstellung sowie Entsorgung wurden von den Heidelberger Wissenschaftler nicht berücksichtigt, was dem ganzheitlichen Ansatz einer Ökobilanz widerspricht. Diesen Anspruch hatten sie aber auch nicht, es wurde lediglich eine „erste Bilanz“ gezogen. „Eine wissenschaftliche Bilanzierung der Umwelteffekte der Abwrackprämie steht bisher aus“, so im Gutachten.

„In der Summe entstehen 30% der negativen Umwelteffekte außerhalb der eigentlichen Nutzungszeit eines Autos – unter der Voraussetzung, dass seine Lebensdauer voll ausgeschöpft und nicht künstlich verkürzt wird“, schreibt Matthias Brake im Online-Magazin Telepolis. Bei nur neun Jahren Lebensdauer sollen es gar 50% Umwelteinwirkung sein, die der Herstellung und Entsorgung zuzuschreiben seien.

Umweltfreundliches Auto (Quelle Bild: Matthias Preisinger / pixelio.de).

Schadstoffarmes Auto (Quelle Foto: Matthias Preisinger / pixelio.de)

So sehr man sich aber auch bemüht, alle vermeintlichen Umwelteinwirkungen „von der Wiege bis zur Bahre“ zusammenzutragen, das Ergebnis ist stets kritisch zu betrachten: Denn um die Umweltverträglichkeit in der Ökobilanz auf eine Dimension zu reduzieren, werden die Werte aller schädlichen Stoffe mit einem vorher festgelegten Faktor umgerechnet, beispielsweise in ein CO2-Äquivalent. Nicht zuletzt dadurch wird das Ergebnis verzerrt.

Was ist eigentlich Nachhaltigkeit?

Auch wenn der Begriff der Nachhaltigkeit (engl. Sustainability) oft im ökologischen Sinne verwendet wird, so ist er nicht darauf beschränkt. Dennoch beschreibt der Ursprung aus der Forstwirtschaft das Prinzip recht griffig: Es darf nur so viel gefällt werden wie auch nachwachsen kann. Im Jahr 1713 tauchte erstmals in einer Publikation von Hans Carl von Carlowitz die Formulierung einer „nachhaltenden Nutzung“ von Wäldern auf.

Mittlerweile wurde der umweltbezogene Gedanke um eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche Komponente ergänzt. Nach der Enquetekommission des Deutschen Bundestages bilden daher Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft die drei Säulen der Nachhaltigkeit. Auf diesen basieren die verschiedenen Methoden zur Analyse von Umwelteinwirkungen oder Kosten.

Umweltzeichen: Umweltfreundlich weil emissionsarm?

Um Umweltzeichen mit echter Prüfung erkennen zu können, werden sie per Norm in drei Typen unterteilt. Typ I (ISO 14024) ist das für den Verbraucher interessanteste Umweltzeichen: Es zeichnet eine nachgewiesene umweltfreundlichere Eigenschaft gegenüber Konkurrenzprodukten aus.

Umweltzeichen „Der Blaue Engel“ (Quelle: www.der-blaue-engel.de)

Der Blaue Engel ist das bekannteste Typ-I-Zeichen, das aber keine Auszeichnung des Gesamtproduktes ist, sondern nur einen Umweltaspekt angibt, der  stets im Untertitel genannt ist. Ein Laserdrucker zum Beispiel „schützt das Klima“, wenn er weniger Strom verbraucht  oder weniger Schadstoffe in die Luft bläst als vergleichbare Drucker. Unter den Geräten mit Blauen Engel gibt es zudem kein weiteres Ranking. Ebenso können auch nicht ausgezeichnete Geräte umweltfreundlich sein, da der Blaue Engel nur auf Antrag vergeben wird.

Umweltdeklarationen nach Typ II (ISO 14021) sind Zeichen, die nach frei wählbaren Kriterien vom Hersteller selbst eingesetzt werden, um etwa die eigene Produktpalette zu klassifizieren. Unabhängige Dritte prüfen hier nicht die Kriterien, dies ist jedoch beim Umweltzeichen des Typs III der Fall: Es liefert eine quantitative Aussage über die Umwelteinwirkungen eines Produktes und ist zum Beispiel für Kühlschränke, Waschmaschinen oder Geschirrspüler vorgeschrieben. Damit lassen sich die Geräte etwa nach der EU-Energieverbrauchs-Kennzeichnung in Stufen von A+++ bis G unterteilen.

Energielabel (Quelle: Wikipedia).

Klimaneutral durch Kompensation

Die Bilanzierung der Umwelteinwirkungen eines Flugzeuges allein wird nie zu einem umweltfreundlichen Ergebnis gelangen. Unter dem Stichwort „klimaneutral“ sollen Umweltsünden  wieder reingewaschen werden, indem in CO2-sparende Projekte investiert wird. Zahlte man früher den Ablass nur an die Kirche, nehmen ihn heute bei Umweltsünden die Klimaschützer:

Die Non-Profit-Organisation „atmosfair“ etwa lässt sich das schlechte Gewissen der Flugpassagiere bezahlen, indem ein Emissionsrechner den CO2-Anteil des eigenen Fluges ermittelt. Mit einer Investition in ein Klimaschutz-Projekt soll dieser dann kompensiert werden. So kostet der Umwelt-Ablass für einen einfachen Flug von Köln nach Frankfurt mit 50 kg CO2 pro Passagier 6 Euro. Die Kölner Flughafengesellschaft bietet dasselbe Prinzip an, spricht beim selben Flug von 84 kg CO2 und verlangt nur 5 Euro.

Echte Klimaneutralität ist solche, die nicht durch Kompensation erlangt wird, sondern durch CO2-Vermeidung. Fürs (weite) Fliegen aber existiert kaum eine praktikable Alternative, sodass die Kompensation hier das geringste Übel darstellt.

„Starke Nachhaltigkeit“ und „schwache Nachhaltigkeit“

Nachhaltigkeit ist also nur innerhalb einer der erwähnten Kategorien messbar. Theoretisch kann daher zwischen einer starken und schwachen Nachhaltigkeit unterschieden werden: Somit wird die Frage beantwortet, ob die Dimensionen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft einander aufwiegen dürfen.

Eine „starke Nachhaltigkeit“ verbietet ein Aufbrauchen des Naturkapitals. Um auf das ursprüngliche Beispiel zurückzukommen, sei dies am Holz verdeutlicht: Es muss stets so viel nachwachsen, wie gerodet wird – selbst wenn der Mensch mehr benötigt. Umwelt geht vor Wirtschaft und Gesellschaft. Der Begriff „schwache Nachhaltigkeit“ verbietet lediglich ein Aufbrauchen des Gesamtkapitals. Würde also eine reproduzierbare Technologie existieren, die Holz ersetzen könnte, dürfte man es aufbrauchen. Alle drei Kategorien sind hier gleichwertig und daher ist Natur- durch Sachkapital ersetzbar.

Der „starken Nachhaltigkeit“ zuliebe dürften nicht-regenerative Ressourcen wie Kohle oder Öl gar nicht abgebaut werden, wohingegen sich eine schwache Nachhaltigkeit etwa nur am Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft orientieren könnte. Der Kompromiss der Praxis aber liegt  in jeder Umweltfrage irgendwo in der Mitte. Somit wurde zumindest von Seiten der Urheber auch die Abwrackprämie als voller Erfolg gewertet: Sie hatte spätestens dann ihren Zweck erfüllt, als 2011 die Autoindustrie Rekordumsätze meldete. Da sie aber insgesamt eine negative Ökobilanz aufweist, und als Subvention zunächst den Steuerzahler belastete,  wurden diese Umsätze zu Lasten von Umwelt und Gesellschaft erzielt.

Autor: Manuel Christa, Student Technikjournalismus an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg

Wettbewerb Technikjournalismus für Nachwuchsredakteure

03. Januar 2012

Der  Studiengang Technikjournalismus der Ohm-Hochschule Nürnberg veranstaltet mit den beiden führenden deutschen Verbänden im Maschinenbau und in der Elektroindustrie, dem VDMA und der ZVEI,  gemeinsam  den Wettbewerb Technikjournalismus für Schülerzeitungen und Campusmedien.

Mitmachen können alle an Technik und Journalismus interessierten Jungredakteurinnen und Jungredakteure von Schülerzeitungen/-radios und Campusmedien. Auf verschiedenen Fachmessen können sie Themen recherchieren, um hieraus Wettbewerbsbeiträge zu erstellen.

Die besten Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden ausgezeichnet. Ihnen winken Hospitanzen,  Praktika, Sach- und Buchpreise. Außerdem werden die zehn Besten zu einem Workshop an die RTL-Journalistenschule eingeladen.

Weitere Informationen auf der Website von Technikjournalismus Wettbewerb.


„Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers“

17. November 2011

Von 1931 und damit mehr als achtzig Jahre alt,  im Kern aber unverändert aktuell: Ein historischer Text von Kurt Tucholsky über Geld, (Welt-)Wirtschaft, Kreditsystem, Landwirtschaft.

Kurzer Abriß der Nationalökonomie

Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe, die feinsten sind die wissenschaftlichen Gründe, doch können solche durch eine Notverordnung aufgehoben werden.Über die ältere Nationalökonomie kann man ja nur lachen und dürfen wir selbe daher mit Stillschweigen übergehn. Sie regierte von 715 vor Christo bis zum Jahre nach Marx. Seitdem ist die Frage völlig gelöst: die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens, warum.

Die Grundlage aller Nationalökonomie ist das sog. ›Geld‹.

Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da. Das im Umlauf befindliche Papiergeld ist durch den Staat garantiert; dieses vollzieht sich derart, dass jeder Papiergeldbesitzer zur Reichsbank gehn und dort für sein Papier Gold einfordern kann. Das kann er. Die obern Staatsbankbeamten sind gesetzlich verpflichtet, Goldplomben zu tragen, die für das Papiergeld haften. Dieses nennt man Golddeckung.

Der Wohlstand eines Landes beruht auf seiner aktiven und passiven Handelsbilanz, auf seinen innern und äußern Anleihen sowie auf dem Unterschied zwischen dem Giro des Wechselagios und dem Zinsfuß der Lombardkredite; bei Regenwetter ist das umgekehrt. Jeden Morgen wird in den Staatsbanken der sog. ›Diskont‹ ausgewürfelt; es ist den Deutschen neulich gelungen, mit drei Würfeln 20 zu trudeln.

Kurt Tucholsky 1928 in Paris (Bild: gemeinfrei).

Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.

Wenn die Ware den Unternehmer durch Verkauf verlassen hat, so ist sie nichts mehr wert, sondern ein Pofel, dafür hat aber der Unternehmer das Geld, welches Mehrwert genannt wird, obgleich es immer weniger wert ist. Wenn ein Unternehmer sich langweilt, dann ruft er die andern und dann bilden sie einen Trust, das heißt, sie verpflichten sich, keinesfalls mehr zu produzieren, als sie produzieren können sowie ihre Waren nicht unter Selbstkostenverdienst abzugeben. Daß der Arbeiter für seine Arbeit auch einen Lohn haben muß, ist eine Theorie, die heute allgemein fallen gelassen worden ist.

Eine wichtige Rolle im Handel spielt der Export, Export ist, wenn die andern kaufen sollen, was wir nicht kaufen können; auch ist es unpatriotisch, fremde Waren zu kaufen, daher muß das Ausland einheimische, also deutsche Waren konsumieren, weil wir sonst nicht konkurrenzfähig sind. Wenn der Export andersrum geht, heißt er Import, welches im Plural eine Zigarre ist. Weil billiger Weizen ungesund und lange nicht so bekömmlich ist wie teurer Roggen, haben wir den Schutzzoll, der den Zoll schützt sowie auch die deutsche Landwirtschaft. Die deutsche Landwirtschaft wohnt seit fünfundzwanzig Jahren am Rande des Abgrunds und fühlt sich dort ziemlich wohl. Sie ist verschuldet, weil die Schwerindustrie ihr nichts übrig läßt, und die Schwerindustrie ist nicht auf der Höhe, weil die Landwirtschaft ihr zu viel fortnimmt. Dieses nennt man den Ausgleich der Interessen. Von beiden Institutionen werden hohe Steuern gefordert, und muß der Konsument sie auch bezahlen.

Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ›Stützungsaktion‹, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleite erkennt man daran, dass die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie ja dann auch meist nichts mehr.

Titelbild einer Ausgabe der Weltbühne vom 12. März 1929 (Bild: gemeinfrei).

Wenn die Unternehmer alles Geld im Ausland untergebracht haben, nennt man dieses den Ernst der Lage. Geordnete Staatswesen werden mit einer solchen Lage leicht fertig; das ist bei ihnen nicht so wie in den kleinen Raubstaaten, wo Scharen von Briganten die notleidende Bevölkerung aussaugen. Auch die Aktiengesellschaften sind ein wichtiger Bestandteil der Nationalökonomie. Der Aktionär hat zweierlei wichtige Rechte: er ist der, wo das Geld gibt, und er darf bei der Generalversammlung in die Opposition gehn und etwas zu Protokoll geben, woraus sich der Vorstand einen sog. Sonnabend macht. Die Aktiengesellschaften sind für das Wirtschaftsleben unerläßlich: stellen sie doch die Vorzugsaktien und die Aufsichtsratsstellen her. Denn jede Aktiengesellschaft hat einen Aufsichtsrat, der rät, was er eigentlich beaufsichtigen soll. Die Aktiengesellschaft haftet dem Aufsichtsrat für pünktliche Zahlung der Tantiemen. Diejenigen Ausreden, in denen gesagt ist, warum die A.-G. keine Steuern bezahlen kann, werden in einer sogenannten ›Bilanz‹ zusammengestellt.

Die Wirtschaft wäre keine Wirtschaft, wenn wir die Börse nicht hätten. Die Börse dient dazu, einer Reihe aufgeregter Herren den Spielklub und das Restaurant zu ersetzen; die frommem gehn außerdem noch in die Synagoge. Die Börse sieht jeden Mittag die Weltlage an: dies richtet sich nach dem Weitblick der Bankdirektoren, welche jedoch meist nur bis zu ihrer Nasenspitze sehn, was allerdings mitunter ein weiter Weg ist. Schreien die Leute auf der Börse außergewöhnlich viel, so nennt man das: die Börse ist fest. In diesem Fall kommt – am nächsten Tage – das Publikum gelaufen und engagiert sich, nachdem bereits das Beste wegverdient ist. Ist die Börse schwach, so ist das Publikum allemal dabei. Dieses nennt man Dienst am Kunden. Die Börse erfüllt eine wirtschaftliche Funktion: ohne sie verbreiteten sich neue Witze wesentlich langsamer.

In der Wirtschaft gibt es auch noch kleinere Angestellte und Arbeiter, doch sind solche von der neuen Theorie längst fallen gelassen worden.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben, und füge noch hinzu, dass sie so gegeben sind wie alle Waren, Verträge, Zahlungen, Wechselunterschriften und sämtliche andern Handelsverpflichtungen –: also ohne jedes Obligo.

Aus: Kaspar Hauser in Die Weltbühne, 15.09.1931, Nr. 37, S. 393.

Kann man das nicht bei Google übersetzen lassen?

18. Mai 2011

Mensch oder Maschine – über den (kritischen) Einsatz von Übersetzungssoftware in international agierenden, mittelständischen Unternehmen.

Globalisierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit sind längst nicht mehr nur Themen großer Konzerne. Auch mittelständische Unternehmen sehen sich immer mehr den damit verbundenen Herausforderungen gegenüber. Grundlage für eine erfolgreiche Internationalisierung der Geschäftsaktivitäten ist die Fähigkeit des Unternehmens, mehrsprachig zu kommunizieren. Ohne Kommunikation kein Geschäft – und so fallen ungeahnt große Textmengen an, die mitunter in zahlreiche Sprachen übertragen werden müssen. Produktinformationen, Gebrauchsanweisungen, Verträge, Geschäftsbriefe… Da sieht sich so mancher, der sich mit der Materie noch nie befasst hat, einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber.

Um Kosten und Zeit zu sparen und oft auch aus Mangel an Informationen, werden schnell maschinelle Übersetzungen oder kostenlose Angebot wie Google in Betracht gezogen, die noch sehr viel interessanter erscheinen, nachdem man bei Agenturen die Zeilenpreise der menschlichen Fachübersetzer erfahren hat.

Die richtige Übersetzungsmethode

Es gibt jedoch eine große Bandbreite an Mischformen, mit denen Kosten und Zeit gespart und dennoch Ergebnisse guter Qualität erzielt werden können. Hier sind detaillierte Informationen und differenziertes Abwägen gefragt.

Die rein maschinelle Übersetzung durch kostengünstige Software oder Freeware etwa wird von vielen Sprachdienstleistern komplett abgelehnt. Dennoch kann sie durchaus sinnvoll sein, wenn es ausschließlich darum geht, einen fachkundigen Mitarbeiter über den groben Inhalt eines Textes zu informieren, besonders wenn es mal schnell gehen muss.

Auch maschinelle Übersetzungen mit verschieden ausgeprägter Nachbearbeitung durch einen Fachübersetzer werden von Agenturen selten angeboten, sind aber eine kostengünstige Möglichkeit inhaltlich korrekte Übertragungen von wenig komplexen Texten zu erhalten.

Vorteile von Terminologiedatenbanken

Besonders interessant für Unternehmen ist die computerunterstützte Übersetzung mit CAT-Tools, bei der ein Fachübersetzer mithilfe einer Textdatenbank oft besonders zügig und damit auch kostengünstig arbeiten kann. Der enorme Vorteil dieser Methode ist die Konsistenz bezüglich der Terminologie. Ist ein Wort einmal in der Datenbank, wird dieses auch bei allen späteren Übertragungen automatisch verwendet. So trägt diese besonders bei der Übertragung von Gebrauchsanweisungen beliebte Methode dazu bei, Missverständnisse und Unklarheiten bei Produkt- oder Komponentenbezeichnungen von Anfang an zu vermeiden.

Die rein menschliche Übersetzung, die von Agenturen vornehmlich angeboten wird, ist oft kostspielig und zeitaufwändig, aber nur bei wenigen Texten in der Unternehmenskommunikation, wie etwa bei Geschäftsbriefen oder Pressemitteilungen, wirklich notwendig.

Unter den zahlreichen Angeboten kann also jedes einzelne in der entsprechenden Situation sinnvoll sein und auch mit knappem Budget ist eine erfolgreiche Präsentation mittelständischer Unternehmen auf ausländischen Märkten möglich.

Hier finden Sie nähere Erläuterungen  zu den verschiedenen Übersetzungsmethoden und Tipps zur richtigen Auswahl des jeweils sinnvollsten Angebotes.

Die Autorin Susanne Aufmuth ist Übersetzerin für Englisch, Spanisch und Französisch. Kontakt:  susanne.aufmuth@gmail.com .

Technikjournalismus: Modetrend oder notwendige Vermittlung zwischen Technik & Leser?

15. Februar 2011

Studienangebote zum Technikjournalisten haben Konjunktur, so auch in Nürnberg: Erstmals seit der Einführung zum Wintersemester 2009/2010 bietet die Georg-Simon-Ohm-Hochschule den Studiengang Technikjournalismus nun auch zum Sommersemester an.

Damit reagiert sie nicht nur auf den diesjährigen doppelten Abiturjahrgang in Bayern, sondern auch auf den Wunsch von Wirtschaft und Medien nach technisch ausgebildeten Journalisten. Rund 60 Studenten haben sich in den vergangenen zwei Jahren für diesen Studiengang an der Hochschule entschieden. Technikjournalist – nur ein Modeberuf oder eine Profession mit Perspektive?

Wissen und Informationen als Gesellschaftsproblem

Im Jahr 2002 haben Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Festkörperforschung, Stuttgart, in einem Beitrag „Literaturflut – Informationslawine – Wissensexplosion Wächst der Wissenschaft das Wissen über den Kopf?“ geschätzt, dass die Zahl der Menschen mit wissenschaftlich-technischer Bildung zwischen 1950 und 2000 von 10 Millionen auf 100 Millionen zugenommen hat.  Parallel zur Zahl der Wissenschaftler steige die Informationsmenge an.

Mehr Forschung führt aber nicht nur zu einer ungeheuren Vermehrung von Wissens und Innovationen. Auch die Komplexität und Spezialisierung der Themen nimmt zu. Das zwingt Forscher und Entwickler immer häufiger, Neuerungen fach-, markt-, und zielgruppengerecht zu publizieren. Die Leserkreise sind vielfältig und reichen von Unternehmen und anderen Technikverwertern über mögliche Finanziers bis zu den Medien und Verbrauchern. Jede Gruppe benötigt unterschiedliche Informationen in einer anderen Sprache.

Mehr Masse als Klasse

Ein besonderer Aspekt beim Informationsverhalten der Verbraucher ist die zunehmende Nutzung von Meinungs- und Bewertungsportalen wie Dooyoo.de und Ciao.de. Das Internet verspricht ein breites Informationsangebot und Suchmaschinen schnell verfügbares Wissen.

Ciao.de, nach eigenen Angaben Europas Verbraucher- und Shopping-Portal Nummer eins, steht mit mittlerweile rund sechs Millionen subjektiven Erfahrungsberichten und Produktbewertungen von Konsumenten beispielhaft für die webbasierte Informationsexplosion. Das Problem: Es vermehrt sich weniger die Qualität als die Quantität der Informationen, so dass die Masse der Einträge die Auswahl der nützlichen erschwert.

Die Chance für etablierte Medien

Das muss der Ansatzpunkt für die Medien sein. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten, Informationen für den Leser zu selektieren und zu strukturieren. Das gilt für die Politik, die Wirtschaft und wird zunehmend eben auch für technische Themen relevant.

Das Problem ist, dass viele technische Verlautbarungen und Pressemitteilungen noch in schwer verständlicher Sprache formuliert sind. Technikjournalisten sind in der Lage, die Informationen zu verstehen, zu bewerten, mit Hintergrundinformation anzureichern und zielgruppengerecht darzustellen.

Bei schwierigen und gesellschaftlich brisanten Themengebieten, beispielsweise aus der Umwelt-, Atom-  und Gentechnik, wird der Leser erst durch verständliche und qualifizierte Informationen in die Lage versetzt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich eine Meinung bilden zu können.

Perspektive Technikjournalismus

Noch sieht die Wirklichkeit anders aus. Die Medien greifen auf Journalisten mit autodidaktisch erworbenem technischen Wissen zurück, die Wirtschaft auf Ingenieure mit Zeitmangel und fehlender sprachlicher Schulung.

Quasi als Vermittler zwischen Technik und Sprache soll der 1999 an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg eingeführte Studiengang Technikjournalismus fungieren. Die Studieninhalte sind zu gleichen Teilen auf Journalismus und technische Themengebiete aufgeteilt.

60 Studienplätze stehen mittlerweile für den auf den Bachelorabschluss umgestellten Studiengang zur Verfügung – rund 200 Absolventen in den letzten 10 Jahren haben das Angebot genutzt. Dass ausgerechnet die bekannteste Studentin des Studienganges, Katrin Bauernfeind, mit nicht-technischen Themen große Erfolge in den populären Medien feiert, schmälert die Qualität des Studienprogramms in keiner Weise, sondern zeigt die Vielseitigkeit der Absolventen.

Werbebranche, Projektmanagement, Medienbereich, PR-Agenturen und technikgeprägte Unternehmen – die späteren Arbeitsbereiche sind vielseitig. 95% der Absolventen haben laut Hochschule einen Job gefunden. Wachsendes Interesse der Gesellschaft für technische Themen und der weiter steigende Pegel der Informationsflut lässt den Koordinator, Professor und Mitentwickler des Studiengangs Prof. Dr. Andreas Schümchen auch für die Zukunft ein reges Interesse der Arbeitgeber an den Absolventen prognostizieren. Der Nürnberger Georg-Simon-Ohm-Hochschule ist zu wünschen, dass ihr Studienangebot ebenfalls ein großer Erfolg wird.

Der Autor Patrick Kraus studiert Maschinenbau in Nürnberg. Zum Sommer 2011 plant er den Wechsel ins Studienfach Technikjournalismus.

Von französischen Schöpfern und indischen Nudeln

07. November 2010

Bis vor kurzem konnte man sich in den Werbespots von Renault noch an einem markig gesprochenen „Créateur d’automobiles“ erfreuen. Da wurden Assoziationen ausgelöst, die nicht nur Erinnerungen an Frankreich und Vorstellungen von elegantem Savoir vivre wach werden ließen, sondern auch den Eindruck vermittelten, daß Menschen wie Gott zu Beginn der Schöpfung aus dem Nichts Unermeßliches erschaffen würden.

Indische Nudeln aus der Douglas-Parfümerie

Dieser mit korrektem französischen Akzent ausgesprochene Leitspruch setzte sich angenehm ab von einer Werbung, die vor einigen Jahren die Firma Douglas in der Vorweihnachtszeit im Fernsehen laufen ließ. Beworben wurde ein Duft namens „Nuits indiennes“, „Indische Nächte“. Darunter kann man sich etwas vorstellen.

Wohl um das deutsche Publikum phonetisch nicht zu überfordern, sprach die Stimme aus dem Off das immer so aus, daß es wie „Nouilles indiennes“ klang, also wie „Indische Nudeln“. Darunter kann man sich auch etwas vorstellen, allerdings etwas, was den Absichten der Werbemacher sicher zuwider lief. Inzwischen hat Douglas das Parfüm nicht mehr im Programm.

Für wie dumm darf man potentielle Kunden halten?

Daher eine gewisse Hochachtung gegenüber Renault, der zum Ausdruck brachte, daß er seine Adressaten nicht für blöd hält. Und nun wurde „Créateur d’automobiles“ ersetzt durch den englischen Slogan „Drive the Change“.

Sind nun auch hier die Verantwortlichen der Meinung, daß das Französische, das als Schulfach in der Tat stetig weniger nachgefragt wird (wie sollen auch Schüler zurechtkommen, wenn in den Medien Nächte und Nudeln verwechselt werden), potentielle Käufer überfordert? Man muß immerhin davon ausgehen, daß dieses Publikum genug Englisch versteht, um mitzubekommen, daß „Fahr den Wechsel“, auch wenn man den Wortlaut versteht, beim besten Willen keinen Sinn macht.

Anke Wortmann

Kienzle und Günther im Heizungskeller – oder: Das Fiasko eines Facility-Managers

02. November 2010

In der „Beruf und Chance“-Beilage  der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Wochenende 16./17. Oktober findet sich ein bemerkenswertes Streitgespräch zwischen dem Schulhausmeister Rolf Kienzle und dem Facility Manager Thomas Günther. Es ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch deshalb lesenswert und eines Kommentars würdig, weil Günther, der Selbstständiger ist und an der FH Gießen lehrt, unfreiwillig die völlige Überflüssigkeit seines Berufsstandes zum Besten gibt.

Entspannter Gewinner ist Hausmeister Kienzle, der am Ende als Vorsitzender des Verdi-Arbeitskreises Hessische Schulhausmeister (ja den gibt es) amüsiert erklärt, dass er wohl erst studieren müsse, um zu begreifen, was der Facility Manager besser kann als er. Am Besten aber nicht bei Günther.

Der Facility Manager lacht und denkt anders

Günther redet sich vom Anfang des Gesprächs an um Kopf und Kragen. Was er denn mache? Günther, humorvoll, lacht überlegen und antwortet, dass er „anders denkt“, nämlich „in Prozessen“ und deshalb beispielsweise die Inspektion vor eine Wartung ziehe.

Und dass sein Berufsstand erst einmal gucke, ob etwas wirklich notwendig sei, weil das Ziel ja sei, Betriebs- und Energiekosten zu senken. Kienzle kontert, dass ein Hausmeister genau dies mache und dabei noch auf die Unfallverhütung achte und Kleinigkeiten selber behebe.

Darauf holt Günther mit einem anschaulichen Beispiel zum Gegenschlag aus: Dass er nämlich die Reinigung der Scheiben eines Glasaufzugs mit dessen Wartung zusammenlege, so dass das Beförderungsmittel nur einmal stillgelegt sei. Als Kienzle ihm antwortet, das sei doch logisch, fällt Günther nur noch die Nachfrage ein, ob es denn auch wirklich so gemacht würde.

Schüler können nicht logisch denken

Der Facility Manager zeigt im weiteren Gespräch noch ein zweites Mal, dass er sich für besonders klug, andere aber für dumm hält. Mit der Bemerkung, der Vergleich eines Bürogebäudes mit einer Schule sei nicht zulässig, will er sich auf ein Gesprächsterrain retten, auf dem er sich sicherer fühlt. Denn: „Da sind ja Menschen drin, die weniger spontan sind als Schüler und logisch denken können.“

Wenn es Probleme gibt, zieht Günther das Sakko aus

Kläglich scheitert der überhebliche Günther, wenn es ein Problem gibt und er richtig zupackend wirken möchte. Denn dann „ziehe ich das Sakko aus und gehe in die Heizungsanlage rein. Fertig.“ Kienzle: „Täglich von morgens 7 Uhr bis abends 18 Uhr?“ Günther: „Ich persönlich nicht, weil mein Kunde mich nicht acht Stunden vor Ort haben will.“ Das kann man verstehen.

Ungelöst bleibt das Rätsel um das Geld

Natürlich geht es noch ums Geld. Mit ihrer Frage, wie Günther es schaffe, seinen Kunden die gleich Arbeit wie der Hausmeister zu versprechen und dabei kostengünstiger zu sein, bauen ihm die Interviewer Sebastian Balzter und Corinna Budras eine goldene Brücke. Die der Facility Manager glatt verpasst und stattdessen wieder in die Irre läuft.

Am Ende ist der Hausmeister konkurrenzlos günstig, der Facility Manager mit höherem Gehalt hockt am Schreibtisch – wenn es Probleme gibt ohne Sakko – und beschäftigt Hausmeister, deren Gehalt nicht konkretisiert wird. Wahrscheinlich, weil dort die Kosten eingespart werden, mit denen Günther die „erheblichen Einsparungen in den Betriebskosten“ erzielt.

F.  Stephan Auch

Hier steht der Leser nicht im Mittelpunkt

06. Oktober 2010

Der Kommunikationsmanager ist eine Zeitschrift, die vom F.A.Z.-Institut und der Firma PRIME research international herausgegeben wird und die ich als Mitglied des PR-Berufsverbandes DPRG monatlich zugeschickt bekomme. Sie ist vor allem ein Forum, in dem sich PR-Manager von großen und wichtigen Unternehmen und PR-Agenturen mit großen und wichtigen Themen darstellen können.

So bekennt der Leiter der Konzernkommunikation der Deutschen Post AG im aktuellen Heft vom September 2010, dass er sich als Spielertrainer für sein Team versteht und der Leiter Corporate Communications der Lanxess Deutschland GmbH erklärt unter der Überschrift „Gut für das Geschäft, gut für die Gemeinschaft“ in der Rubrik „Best Practice“, wie das Unternehmen, für das er arbeitet, „unternehmerische Verantwortung versteht – und wahrnimmt“.

Außerdem kommen Vertreter von Coca-Cola, der Allianz, Ford und Cisco zu Wort. Sie alle verraten dem Leser, was sie wie richtig machen in Sachen Kommunikation. Irgendwo hatte ich einmal gehört, dass professionelle Kommunikation Dritte dazu bringt, Gutes über einen zu sagen. Das gilt im vorliegenden Fall wohl nicht.

Wie bestimmt keine Bilder im Kopf entstehen

Interessant ist die Sprache: Aus dem Heft fallen Beilagen zum „4. Deutschen Marken-Summit“ (von F.A.Z.-Institut und „Kommunikationsmanager“) und dem „Deutschen Image Award 2010“ (von den Herausgebern und der DPRG) , zur Konferenz „Chefsache Issues Management“ (von einer Agentur) und zum „Part-time program for experienced professionals“ zum „Executive Master of Science in Communications Management“.

Gut, das letzte Angebot stammt von einer Schweizer Hochschule mit Englisch als Lehrsprache. Alle anderen Titel versuchen mit hochtrabenden englischen Bezeichnungen Modernität und Kompetenz zu suggerieren. In der Zeitschrift selber geht es nahtlos weiter: Bei der Überschrift „Smart Grid: ‚Laßt Bilder in den Köpfen entstehen'“ frage ich mich, welche Vorstellung hierbei entstehen soll.

Bei „Internal Branding – damit Arbeit Sinn macht“ erfährt der Leser natürlich nicht, warum er sich von montags bis freitags morgens aus dem Bett quält. Weitere Überschriften zu deutschsprachigen (!) Beiträgen: „Leadership statt Management: Führung durch Kommunikation“, „As we grow, you grow“.

Englisch, Englisch, also wichtig, wichtig.

Auf Deutsch könnte man die Inhalte ja nicht so treffend ausdrücken und es klingt auch nicht so schön.  Dieses Argument erinnert mich ganz stark an die Zeiten, als noch kein deutscher Musiker außer Udo Lindenberg in seiner Muttersprache singen wollte und diese dem Schlager und der Volksmusik vorbehalten war.

Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, der die Sprecher oder Schreiber dazu bringt, ihre Weltläufigkeit und ihre fachliche Kompetenz mit englischen Ausdrücken beweisen zu wollen? Eher nicht, denn es handelt sich um hochqualifizierte Kommunikatoren in herausragenden Stellungen.

Dann kann es nur Bequemlichkeit sein. Wie sagte der Journalist Wolf Schneider: „Wenn ein Text über einen komplizierten Vorgang verstanden werden soll muss einer sich plagen – der Schreiber oder der Leser… Berufsschreiber sind Leute, denen man zumuten sollte, die Plage selbst zu tragen. Sie brauchen Service-Gesinnung.“ (Aus: Wolf Schneider: Wörter machen Leute, erschienen beim Piper-Verlag München)

Wenn aber schon den Kommunikationsverantwortlichen die Service-Gesinnung fehlt, von wem soll man diese in einem Unternehmen noch erwarten können?

F.  Stephan Auch

Neun Minuten oder: Sind Frühaufsteher sympathisch?

13. Juli 2010

PR-Sprache in einer Kampagne zur Imageförderung

Regelmäßig fahre ich von Nürnberg nach Halle und damit von Bayern nach Sachsen-Anhalt. Bin ich mit dem Auto unterwegs, begrüßt mich an der Autobahn hinter Thüringen ein Schild, das mich im „Land der Frühaufsteher“ willkommen heißt. Denn das sind sie, die Sachsen-Anhaltiner (oder -Anhalter, der Duden lässt beides zu).

Einer Umfrage zufolge stehen sie am Morgen im Schnitt um 6:39 Uhr auf und damit  neun Minuten eher als der Bundesdurchschnitt. Mit der millionenschweren Imagekampagne „Wir stehen früher auf“ will das Land nach eigenen Angaben sein Profil schärfen, die Identität stärken, Investoren anlocken und Touristen werben.

Gibt es in Sachsen-Anhalt viele Landwirte?

Mich schreckt das Motto ab. Wenn ich  die Autobahnschilder sehe, frage ich mich immer, ob es nichts gibt, das besser für das Land  werben könnte, als die Tatsache, dass seine Bewohner einige Minuten früher aufstehen als andere. Seine Städte, Landschaften und Kulturgüter oder die unbestrittenen Erfolge im Strukturwandel zum Beispiel.

Was bringt das frühe Aufstehen den Menschen im Land und seinen Besuchern? Sind sie deshalb besonders erfolgreich, attraktiv, sympathisch, liebenswert? Vielleicht arbeiten in Sachsen-Anhalt einfach viele Menschen in der Landwirtschaft, die früh morgens Vieh füttern müssen?

Infografik Frühaufsteher Sachsen-Anhalt.

Das Land Sachsen-Anhalt wirbt damit, dass dort die meisten Frühaufsteher leben (Infografik: www.sachsen-anhalt.de).

Ich stehe manchmal zur gleichen Uhrzeit wie die Sachsen-Anhaltiner auf, aber in der Regel fängt mein Tag später an und dauert dann auch länger. Zur frühen Stunde kann ich oft effektiv arbeiten. Freunde, die um sechs Uhr morgens bereits joggen gehen, bewundere ich, wenn auch später. Ich habe nichts gegen Frühaufsteher, aber ich kenne niemanden, der diese Eigenschaft bei sich besonders erwähnenswert findet – außer den Initiatoren von „Wir stehen früher auf.“

Der Finanzminister hasst den Slogan

Andere finden die Werbung gut. Bereits 2005 bekam das Landesmarketing für „Wir stehen früher auf“ den „Politikaward 2005“ in der Kategorie „Kampagnen von öffentlichen Institutionen“. Die Landesregierung sieht sie als Erfolg und will sie fortführen. Finanzminister Jens Bullerjahn von der SPD schert allerdings aus der Schar der „Wir stehen früher auf“-Verteidiger aus.

Der Mitteldeutschen Zeitung zufolge soll er gesagt haben: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich diesen Slogan hasse.“ Überall werde er angesprochen, nie positiv, oft milde belächelt. Dem MDR zufolge will er den Slogan ändern und die reiche Historie und das moderne Erscheinungsbild des Landes stärker hervorheben.

Dem Sender soll er gesagt haben: „In Sachsen-Anhalt gab es schon Geschichte, Politik, Gerichte, da war in Bayern noch eine geschlossene Walddecke.“ Vielleicht wurde Bullerjahn aus dem Süden der Republik ja mit besonders viel Häme beehrt und fühlte sich daher zu dieser Spitze genötigt.

Die Bayern werden gewusst haben, wovon sie sprechen, denn sie haben selbst historische Erfahrungen mit dem Scheitern von Kampagnen: Bereits 1973 war die Anwerbung von Facharbeitern aus dem Ruhrgebiet für das BMW-Werk in Dingolfing grandios gescheitert. Trotz ganzseitiger Zeitungsanzeigen folgten dem Ruf  „Jupp komm nach Bayern“ laut  Wirtschaftsmagazin brand eins Neuland nur rund zwei Dutzend Kumpels.

Frühaufsteher: dynamisch und erfolgreich?

Zurück zur Imagewerbung für Sachsen-Anhalt. Ich stelle mir vor, wie 2004 oder 2005 die kreativen Werber aus Berlin mit Politikern und Verwaltungsbeamten des Landes um einem großen Konferenztisch gesessen haben und ihren Kampagnenentwurf präsentiert haben.

„Frühaufsteher sind dynamisch und erfolgreich, sie haben dynamische und erfolgreiche Freunde und Bekannte und wirken anziehend auf dynamische und erfolgreiche Menschen“ wird einer der sachlich-modisch in Schwarz gekleideten Werbeexperten vielleicht gesagt haben. Dann wurde die Maßnahme beschlossen und jetzt läuft sie. Im Oktober beginnt die dritte Phase der Kampagen, die auf neun Minuten basiert. Diese soll  bis zum Februar 2011 dauern und konzentriert sich “ganz auf das Land und seine Menschen “,  so das Landesmarketing.

F.  Stephan Auch

Vom Ende der Krise

23. Juni 2010

Krise, das muss ein tolles Ding sein. So hervorragend und außergewöhnlich, dass in den Zeitungen und Zeitschriften seit einiger Zeit schon viele Anzeigenseiten dem gesteigerten Interesse an diesem famosen Phänomen und der Berichterstattung darüber geopfert werden. Selbst die Fußballweltmeisterschaft kann daran nichts ändern. Was genau die Krise ist, das bleibt häufig unklar. Was allerdings durch ihre vermutete Monstrosität nur als allzu verständlich erscheinen muss.

Krise, das ist Griechisch. Was nicht eigentlich verwundert, aber in seiner Bedeutung bemerkenswert ist. Denn krinein bedeutet scheiden oder urteilen und so ist die Krisis, derjenige Zustand, der zu einer Entscheidung drängt und in dem also eine Entscheidung fällt.

Die Erkenntnis ist beruhigend: Solange die Entscheidung nur lange genug zurückgehalten wird, gibt es eigentlich keine Krise und das Gerede darüber erweist sich als wahrer Unsinn. Das hat auch die Politik erkannt und entscheidet, ganz folgerichtig, um die Krise zu beenden: Nichts. Chapeau, für soviel Scharfsinn!

-jk

 

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