“Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers”

Donnerstag, 17. November 2011

Von 1931 und damit mehr als achtzig Jahre alt,  im Kern aber unverändert aktuell: Ein historischer Text von Kurt Tucholsky über Geld, (Welt-)Wirtschaft, Kreditsystem, Landwirtschaft:

Kurzer Abriß der Nationalökonomie

Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe, die feinsten sind die wissenschaftlichen Gründe, doch können solche durch eine Notverordnung aufgehoben werden.

Über die ältere Nationalökonomie kann man ja nur lachen und dürfen wir selbe daher mit Stillschweigen übergehn. Sie regierte von 715 vor Christo bis zum Jahre nach Marx. Seitdem ist die Frage völlig gelöst: die Leute haben zwar immer noch kein Geld, wissen aber wenigstens, warum.

Die Grundlage aller Nationalökonomie ist das sog. ›Geld‹.

Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld. Für Geld kann man Waren kaufen, weil es Geld ist, und es ist Geld, weil man dafür Waren kaufen kann. Doch ist diese Theorie inzwischen fallen gelassen worden. Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da bzw. nicht da – meist nicht da. Das im Umlauf befindliche Papiergeld ist durch den Staat garantiert; dieses vollzieht sich derart, dass jeder Papiergeldbesitzer zur Reichsbank gehn und dort für sein Papier Gold einfordern kann. Das kann er. Die obern Staatsbankbeamten sind gesetzlich verpflichtet, Goldplomben zu tragen, die für das Papiergeld haften. Dieses nennt man Golddeckung.

Der Wohlstand eines Landes beruht auf seiner aktiven und passiven Handelsbilanz, auf seinen innern und äußern Anleihen sowie auf dem Unterschied zwischen dem Giro des Wechselagios und dem Zinsfuß der Lombardkredite; bei Regenwetter ist das umgekehrt. Jeden Morgen wird in den Staatsbanken der sog. ›Diskont‹ ausgewürfelt; es ist den Deutschen neulich gelungen, mit drei Würfeln 20 zu trudeln.

Kurt Tucholsky 1928 in Paris (Bild: gemeinfrei).

Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.

Wenn die Ware den Unternehmer durch Verkauf verlassen hat, so ist sie nichts mehr wert, sondern ein Pofel, dafür hat aber der Unternehmer das Geld, welches Mehrwert genannt wird, obgleich es immer weniger wert ist. Wenn ein Unternehmer sich langweilt, dann ruft er die andern und dann bilden sie einen Trust, das heißt, sie verpflichten sich, keinesfalls mehr zu produzieren, als sie produzieren können sowie ihre Waren nicht unter Selbstkostenverdienst abzugeben. Daß der Arbeiter für seine Arbeit auch einen Lohn haben muß, ist eine Theorie, die heute allgemein fallen gelassen worden ist.

Eine wichtige Rolle im Handel spielt der Export, Export ist, wenn die andern kaufen sollen, was wir nicht kaufen können; auch ist es unpatriotisch, fremde Waren zu kaufen, daher muß das Ausland einheimische, also deutsche Waren konsumieren, weil wir sonst nicht konkurrenzfähig sind. Wenn der Export andersrum geht, heißt er Import, welches im Plural eine Zigarre ist. Weil billiger Weizen ungesund und lange nicht so bekömmlich ist wie teurer Roggen, haben wir den Schutzzoll, der den Zoll schützt sowie auch die deutsche Landwirtschaft. Die deutsche Landwirtschaft wohnt seit fünfundzwanzig Jahren am Rande des Abgrunds und fühlt sich dort ziemlich wohl. Sie ist verschuldet, weil die Schwerindustrie ihr nichts übrig läßt, und die Schwerindustrie ist nicht auf der Höhe, weil die Landwirtschaft ihr zu viel fortnimmt. Dieses nennt man den Ausgleich der Interessen. Von beiden Institutionen werden hohe Steuern gefordert, und muß der Konsument sie auch bezahlen.

Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen. Tut er das nicht, so erfolgt eine sog. ›Stützungsaktion‹, bei der alle, bis auf den Staat, gut verdienen. Solche Pleite erkennt man daran, dass die Bevölkerung aufgefordert wird, Vertrauen zu haben. Weiter hat sie ja dann auch meist nichts mehr.

Titelbild einer Ausgabe der Weltbühne vom 12. März 1929 (Bild: gemeinfrei).

Wenn die Unternehmer alles Geld im Ausland untergebracht haben, nennt man dieses den Ernst der Lage. Geordnete Staatswesen werden mit einer solchen Lage leicht fertig; das ist bei ihnen nicht so wie in den kleinen Raubstaaten, wo Scharen von Briganten die notleidende Bevölkerung aussaugen. Auch die Aktiengesellschaften sind ein wichtiger Bestandteil der Nationalökonomie. Der Aktionär hat zweierlei wichtige Rechte: er ist der, wo das Geld gibt, und er darf bei der Generalversammlung in die Opposition gehn und etwas zu Protokoll geben, woraus sich der Vorstand einen sog. Sonnabend macht. Die Aktiengesellschaften sind für das Wirtschaftsleben unerläßlich: stellen sie doch die Vorzugsaktien und die Aufsichtsratsstellen her. Denn jede Aktiengesellschaft hat einen Aufsichtsrat, der rät, was er eigentlich beaufsichtigen soll. Die Aktiengesellschaft haftet dem Aufsichtsrat für pünktliche Zahlung der Tantiemen. Diejenigen Ausreden, in denen gesagt ist, warum die A.-G. keine Steuern bezahlen kann, werden in einer sogenannten ›Bilanz‹ zusammengestellt.

Die Wirtschaft wäre keine Wirtschaft, wenn wir die Börse nicht hätten. Die Börse dient dazu, einer Reihe aufgeregter Herren den Spielklub und das Restaurant zu ersetzen; die frommem gehn außerdem noch in die Synagoge. Die Börse sieht jeden Mittag die Weltlage an: dies richtet sich nach dem Weitblick der Bankdirektoren, welche jedoch meist nur bis zu ihrer Nasenspitze sehn, was allerdings mitunter ein weiter Weg ist. Schreien die Leute auf der Börse außergewöhnlich viel, so nennt man das: die Börse ist fest. In diesem Fall kommt – am nächsten Tage – das Publikum gelaufen und engagiert sich, nachdem bereits das Beste wegverdient ist. Ist die Börse schwach, so ist das Publikum allemal dabei. Dieses nennt man Dienst am Kunden. Die Börse erfüllt eine wirtschaftliche Funktion: ohne sie verbreiteten sich neue Witze wesentlich langsamer.

In der Wirtschaft gibt es auch noch kleinere Angestellte und Arbeiter, doch sind solche von der neuen Theorie längst fallen gelassen worden.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben, und füge noch hinzu, dass sie so gegeben sind wie alle Waren, Verträge, Zahlungen, Wechselunterschriften und sämtliche andern Handelsverpflichtungen –: also ohne jedes Obligo.

Aus: Kaspar Hauser in Die Weltbühne, 15.09.1931, Nr. 37, S. 393.

Kann man das nicht bei Google übersetzen lassen?

Mittwoch, 18. Mai 2011

Mensch oder Maschine – über den (kritischen) Einsatz von Übersetzungssoftware in international agierenden, mittelständischen Unternehmen.

Globalisierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit sind längst nicht mehr nur Themen großer Konzerne. Auch mittelständische Unternehmen sehen sich immer mehr den damit verbundenen Herausforderungen gegenüber. Grundlage für eine erfolgreiche Internationalisierung der Geschäftsaktivitäten ist die Fähigkeit des Unternehmens, mehrsprachig zu kommunizieren. Ohne Kommunikation kein Geschäft – und so fallen ungeahnt große Textmengen an, die mitunter in zahlreiche Sprachen übertragen werden müssen. Produktinformationen, Gebrauchsanweisungen, Verträge, Geschäftsbriefe… Da sieht sich so mancher, der sich mit der Materie noch nie befasst hat, einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber.

Um Kosten und Zeit zu sparen und oft auch aus Mangel an Informationen, werden schnell maschinelle Übersetzungen oder kostenlose Angebot wie Google in Betracht gezogen, die noch sehr viel interessanter erscheinen, nachdem man bei Agenturen die Zeilenpreise der menschlichen Fachübersetzer erfahren hat.

Die richtige Übersetzungsmethode

Es gibt jedoch eine große Bandbreite an Mischformen, mit denen Kosten und Zeit gespart und dennoch Ergebnisse guter Qualität erzielt werden können. Hier sind detaillierte Informationen und differenziertes Abwägen gefragt.

Die rein maschinelle Übersetzung durch kostengünstige Software oder Freeware etwa wird von vielen Sprachdienstleistern komplett abgelehnt. Dennoch kann sie durchaus sinnvoll sein, wenn es ausschließlich darum geht, einen fachkundigen Mitarbeiter über den groben Inhalt eines Textes zu informieren, besonders wenn es mal schnell gehen muss.

Auch maschinelle Übersetzungen mit verschieden ausgeprägter Nachbearbeitung durch einen Fachübersetzer werden von Agenturen selten angeboten, sind aber eine kostengünstige Möglichkeit inhaltlich korrekte Übertragungen von wenig komplexen Texten zu erhalten.

Vorteile von Terminologiedatenbanken

Besonders interessant für Unternehmen ist die computerunterstützte Übersetzung mit CAT-Tools, bei der ein Fachübersetzer mithilfe einer Textdatenbank oft besonders zügig und damit auch kostengünstig arbeiten kann. Der enorme Vorteil dieser Methode ist die Konsistenz bezüglich der Terminologie. Ist ein Wort einmal in der Datenbank, wird dieses auch bei allen späteren Übertragungen automatisch verwendet. So trägt diese besonders bei der Übertragung von Gebrauchsanweisungen beliebte Methode dazu bei, Missverständnisse und Unklarheiten bei Produkt- oder Komponentenbezeichnungen von Anfang an zu vermeiden.

Die rein menschliche Übersetzung, die von Agenturen vornehmlich angeboten wird, ist oft kostspielig und zeitaufwändig, aber nur bei wenigen Texten in der Unternehmenskommunikation, wie etwa bei Geschäftsbriefen oder Pressemitteilungen, wirklich notwendig.

Unter den zahlreichen Angeboten kann also jedes einzelne in der entsprechenden Situation sinnvoll sein und auch mit knappem Budget ist eine erfolgreiche Präsentation mittelständischer Unternehmen auf ausländischen Märkten möglich.

Hier finden Sie nähere Erläuterungen  zu den verschiedenen Übersetzungsmethoden und Tipps zur richtigen Auswahl des jeweils sinnvollsten Angebotes.

Die Autorin Susanne Aufmuth ist Übersetzerin für Englisch, Spanisch und Französisch. Kontakt:  susanne.aufmuth@gmail.com .

Kienzle und Günther im Heizungskeller – oder: Das Fiasko eines Facility-Managers

Dienstag, 02. November 2010

In der „Beruf und Chance“-Beilage  der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Wochenende 16./17. Oktober findet sich ein bemerkenswertes Streitgespräch zwischen dem Schulhausmeister Rolf Kienzle und dem Facility Manager Thomas Günther. Es ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch deshalb lesenswert und eines Kommentars würdig, weil Günther, der Selbstständiger ist und an der FH Gießen lehrt, unfreiwillig die völlige Überflüssigkeit seines Berufsstandes zum Besten gibt.

Entspannter Gewinner ist Hausmeister Kienzle, der am Ende als Vorsitzender des Verdi-Arbeitskreises Hessische Schulhausmeister (ja den gibt es) amüsiert erklärt, dass er wohl erst studieren müsse, um zu begreifen, was der Facility Manager besser kann als er. Am Besten aber nicht bei Günther.

Der Facility Manager lacht und denkt anders

Günther redet sich vom Anfang des Gesprächs an um Kopf und Kragen. Was er denn mache? Günther, humorvoll, lacht überlegen und antwortet, dass er „anders denkt“, nämlich „in Prozessen“ und deshalb beispielsweise die Inspektion vor eine Wartung ziehe.

Und dass sein Berufsstand erst einmal gucke, ob etwas wirklich notwendig sei, weil das Ziel ja sei, Betriebs- und Energiekosten zu senken. Kienzle kontert, dass ein Hausmeister genau dies mache und dabei noch auf die Unfallverhütung achte und Kleinigkeiten selber behebe.

Darauf holt Günther mit einem anschaulichen Beispiel zum Gegenschlag aus: Dass er nämlich die Reinigung der Scheiben eines Glasaufzugs mit dessen Wartung zusammenlege, so dass das Beförderungsmittel nur einmal stillgelegt sei. Als Kienzle ihm antwortet, das sei doch logisch, fällt Günther nur noch die Nachfrage ein, ob es denn auch wirklich so gemacht würde.

Schüler können nicht logisch denken

Der Facility Manager zeigt im weiteren Gespräch noch ein zweites Mal, dass er sich für besonders klug, andere aber für dumm hält. Mit der Bemerkung, der Vergleich eines Bürogebäudes mit einer Schule sei nicht zulässig, will er sich auf ein Gesprächsterrain retten, auf dem er sich sicherer fühlt. Denn: „Da sind ja Menschen drin, die weniger spontan sind als Schüler und logisch denken können.“

Wenn es Probleme gibt, zieht Günther das Sakko aus

Kläglich scheitert der überhebliche Günther, wenn es ein Problem gibt und er richtig zupackend wirken möchte. Denn dann „ziehe ich das Sakko aus und gehe in die Heizungsanlage rein. Fertig.“ Kienzle: „Täglich von morgens 7 Uhr bis abends 18 Uhr?“ Günther: „Ich persönlich nicht, weil mein Kunde mich nicht acht Stunden vor Ort haben will.“ Das kann man verstehen.

Ungelöst bleibt das Rätsel um das Geld

Natürlich geht es noch ums Geld. Mit ihrer Frage, wie Günther es schaffe, seinen Kunden die gleich Arbeit wie der Hausmeister zu versprechen und dabei kostengünstiger zu sein, bauen ihm die Interviewer Sebastian Balzter und Corinna Budras eine goldene Brücke. Die der Facility Manager glatt verpasst und stattdessen wieder in die Irre läuft.

Am Ende ist der Hausmeister konkurrenzlos günstig, der Facility Manager mit höherem Gehalt hockt am Schreibtisch – wenn es Probleme gibt ohne Sakko – und beschäftigt Hausmeister, deren Gehalt nicht konkretisiert wird. Wahrscheinlich, weil dort die Kosten eingespart werden, mit denen Günther die „erheblichen Einsparungen in den Betriebskosten“ erzielt.

F.  Stephan Auch

Neun Minuten oder: Sind Frühaufsteher sympathisch?

Dienstag, 13. Juli 2010

PR-Sprache in einer Kampagne zur Imageförderung

Regelmäßig fahre ich von Nürnberg nach Halle und damit von Bayern nach Sachsen-Anhalt. Bin ich mit dem Auto unterwegs, begrüßt mich an der Autobahn hinter Thüringen ein Schild, das mich im “Land der Frühaufsteher” willkommen heißt. Denn das sind sie, die Sachsen-Anhaltiner (oder -Anhalter, der Duden lässt beides zu).

Einer Umfrage zufolge stehen sie am Morgen im Schnitt um 6:39 Uhr auf und damit  neun Minuten eher als der Bundesdurchschnitt. Mit der millionenschweren Imagekampagne “Wir stehen früher auf” will das Land nach eigenen Angaben sein Profil schärfen, die Identität stärken, Investoren anlocken und Touristen werben.

Gibt es in Sachsen-Anhalt viele Landwirte?

Mich schreckt das Motto ab. Wenn ich  die Autobahnschilder sehe, frage ich mich immer, ob es nichts gibt, das besser für das Land  werben könnte, als die Tatsache, dass seine Bewohner einige Minuten früher aufstehen als andere. Seine Städte, Landschaften und Kulturgüter oder die unbestrittenen Erfolge im Strukturwandel zum Beispiel.

Was bringt das frühe Aufstehen den Menschen im Land und seinen Besuchern? Sind sie deshalb besonders erfolgreich, attraktiv, sympathisch, liebenswert? Vielleicht arbeiten in Sachsen-Anhalt einfach viele Menschen in der Landwirtschaft, die früh morgens Vieh füttern müssen?

Infografik Frühaufsteher Sachsen-Anhalt.

Das Land Sachsen-Anhalt wirbt damit, dass dort die meisten Frühaufsteher leben (Infografik: www.sachsen-anhalt.de).

Ich stehe manchmal zur gleichen Uhrzeit wie die Sachsen-Anhaltiner auf, aber in der Regel fängt mein Tag später an und dauert dann auch länger. Zur frühen Stunde kann ich oft effektiv arbeiten. Freunde, die um sechs Uhr morgens bereits joggen gehen, bewundere ich, wenn auch später. Ich habe nichts gegen Frühaufsteher, aber ich kenne niemanden, der diese Eigenschaft bei sich besonders erwähnenswert findet – außer den Initiatoren von “Wir stehen früher auf.”

Der Finanzminister hasst den Slogan

Andere finden die Werbung gut. Bereits 2005 bekam das Landesmarketing für “Wir stehen früher auf” den “Politikaward 2005″ in der Kategorie “Kampagnen von öffentlichen Institutionen”. Die Landesregierung sieht sie als Erfolg und will sie fortführen. Finanzminister Jens Bullerjahn von der SPD schert allerdings aus der Schar der “Wir stehen früher auf”-Verteidiger aus.

Der Mitteldeutschen Zeitung zufolge soll er gesagt haben: “Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich diesen Slogan hasse.” Überall werde er angesprochen, nie positiv, oft milde belächelt. Dem MDR zufolge will er den Slogan ändern und die reiche Historie und das moderne Erscheinungsbild des Landes stärker hervorheben.

Dem Sender soll er gesagt haben: “In Sachsen-Anhalt gab es schon Geschichte, Politik, Gerichte, da war in Bayern noch eine geschlossene Walddecke.” Vielleicht wurde Bullerjahn aus dem Süden der Republik ja mit besonders viel Häme beehrt und fühlte sich daher zu dieser Spitze genötigt.

Die Bayern werden gewusst haben, wovon sie sprechen, denn sie haben selbst historische Erfahrungen mit dem Scheitern von Kampagnen: Bereits 1973 war die Anwerbung von Facharbeitern aus dem Ruhrgebiet für das BMW-Werk in Dingolfing grandios gescheitert. Trotz ganzseitiger Zeitungsanzeigen folgten dem Ruf  “Jupp komm nach Bayern” laut  Wirtschaftsmagazin brand eins Neuland nur rund zwei Dutzend Kumpels.

Frühaufsteher: dynamisch und erfolgreich?

Zurück zur Imagewerbung für Sachsen-Anhalt. Ich stelle mir vor, wie 2004 oder 2005 die kreativen Werber aus Berlin mit Politikern und Verwaltungsbeamten des Landes um einem großen Konferenztisch gesessen haben und ihren Kampagnenentwurf präsentiert haben.

“Frühaufsteher sind dynamisch und erfolgreich, sie haben dynamische und erfolgreiche Freunde und Bekannte und wirken anziehend auf dynamische und erfolgreiche Menschen” wird einer der sachlich-modisch in Schwarz gekleideten Werbeexperten vielleicht gesagt haben. Dann wurde die Maßnahme beschlossen und jetzt läuft sie. Im Oktober beginnt die dritte Phase der Kampagen, die auf neun Minuten basiert. Diese soll  bis zum Februar 2011 dauern und konzentriert sich “ganz auf das Land und seine Menschen “,  so das Landesmarketing.

F.  Stephan Auch

Vom Ende der Krise

Mittwoch, 23. Juni 2010

Krise, das muss ein tolles Ding sein. So hervorragend und außergewöhnlich, dass in den Zeitungen und Zeitschriften seit einiger Zeit schon viele Anzeigenseiten dem gesteigerten Interesse an diesem famosen Phänomen und der Berichterstattung darüber geopfert werden. Selbst die Fußballweltmeisterschaft kann daran nichts ändern. Was genau die Krise ist, das bleibt häufig unklar. Was allerdings durch ihre vermutete Monstrosität nur als allzu verständlich erscheinen muss.

Krise, das ist Griechisch. Was nicht eigentlich verwundert, aber in seiner Bedeutung bemerkenswert ist. Denn krinein bedeutet scheiden oder urteilen und so ist die Krisis, derjenige Zustand, der zu einer Entscheidung drängt und in dem also eine Entscheidung fällt.

Die Erkenntnis ist beruhigend: Solange die Entscheidung nur lange genug zurückgehalten wird, gibt es eigentlich keine Krise und das Gerede darüber erweist sich als wahrer Unsinn. Das hat auch die Politik erkannt und entscheidet, ganz folgerichtig, um die Krise zu beenden: Nichts. Chapeau, für soviel Scharfsinn!

-jk

Kommissar Affolter, ein “Kafi Lutz” und das Rentensystem

Samstag, 19. Juni 2010
"Die fünft Variable", Edition Moderne, Zürich 2010

"Die fünfte Variable", Edition Moderne, Zürich 2010

Ist der Comic eine geeignete Form, um so etwas Kompliziertes wie das Rentensystem zu erklären? Gelingt es der bildlichen und textlichen Sprache des Mediums, dieses Wirtschaftsthema verständlich umzusetzen? In der Schweiz  macht es der Verlag Edition Moderne mit dem Band “Die fünfte Variable” vor.

Kommissar Affolter von der Schweizer Bundespolizei geht in Kürze in Rente. Vorher muss er noch eine Serie von Morden aufklären, bei denen die stets alleinstehenden Opfer ebenfalls kurz vor ihrem Ruhestand stehen und allesamt keine Erben hinterlassen.

Auffällig, das alle Toten ihre private Altersvorsorge bei der Pensionskasse Vesperis abgeschlossen hatten, die das angesparte Vermögen nun als sogenannten Rückfallgewinn einstreicht und damit ihr Vermögen aufstockt, während die Wettbewerber durch die Finanzkrise laufend Guthaben verlieren.

Derweil quält die Krise Wölfli, den gutherzigen und besorgten, aber anfangs ahnungslosen Kassenverwalter der Vesperis, mit Albträumen. Als er nachforscht, weshalb es so viele Rückfallgewinne gibt, kommt er langsam den verbrecherischen Machenschaften in seinem Haus auf die Spur und gerät selber in Gefahr.

Leserprobe aus "Die fünfte Variable"

Der anfangs ahnungslose Kassierer Wölfi hat Albträume.

Morde finanzieren Altersvorsorge

Der Titel des Comics bezieht sich auf eine der fünf Bestimmungsgrößen, die für die Höhe der in der Schweiz obligatorischen, privat abzuschließenden Rente verantwortlich sind: das Beitrittsalter, die Höhe der Einzahlung, der Ertrag während der Laufzeit, das Renten-Eintrittsalter und – als fünfte Variable – die erwartete Lebenszeit im Ruhestand, während der der Versicherte seine Rente ausgezahlt bekommt.

Stirbt der Pensionär früh, profitiert die Pensionskasse hiervon. Das macht sich die Vesperis im Comic zunutze.

Unterhaltsamer Sachcomic zum Rentensystem

Auftraggeber für den grafisch anspruchsvollen, vom Verlag in gewohnt hoher Qualität herausgebrachten und erzählerisch spannend gemachten Sachcomic ist der Schweizer Think Tank Avenir Suisse, der mit der ungewöhnlichen Veröffentlichung ein junges Publikum für ein so sperriges Thema wie die Altersvorsorge und das Rentensystem ansprechen möchte.

Der Leser erfährt, dass es in der Schweiz drei Säulen der Altersvorsorge gibt, eine staatliche – ähnlich der Deutschen Rentenversicherung -, eine obligatorische private und kapitalgedeckte Versicherung mit einem System aus Pensionskassen und eine freiwillige individuelle.

Die Geschichte zeigt aber nicht nur, wie das System aufgebaut ist, sondern auch, wo Schwachstellen sind. Im konkreten Fall ist dies die fehlende Kapitaldeckung der Pensionskassen, die aufgrund steigender Lebenserwartungen, eingeschränkter Anlagemöglichkeiten und unzureichender Erträge nicht in der Lage sind, die vorgeschriebenen Auszahlungen zu leisten, ohne ihre Mittel zu verzehren.

Nahegelegt wird der Schluss, dass Anpassungen an die demographische Entwicklung notwendig sind und hierfür die Auszahlungen verringert werden müssen, um das System davor zu bewahren, unaufhaltsam auf seinen Kollaps hinzusteuern.

Lesprobe aus "Die fünfte Variable".

Komissar Affolter und Komissarin Whitney Meier von der Schweizer Bundespolizei ermitteln.

Statt “Die Rente ist sicher” : Verständliche Aufklärung

In Zusammenarbeit mit Martin Janssen, Professor für Finanzmarktökonomie am Swiss Banking Institute der Universität Zürich, hat der Zeichner Christophe Badoux das Thema fesselnd und leicht verständlich umgesetzt. Wer “Die fünfte Variable” gelesen hat, kann die Problematik nachvollziehen und Parallelen und Unterschiede zur deutschen Altersvorsorge erkennen.

Derart publikumswirksam präsentiert, verliert das Thema zwar nicht an Gewicht, aber doch an Exklusivität. Das mag dazu führen, sich mit so einer wichtigen Frage wie der eigenen Altersvorsorge und ihrer gesellschaftlichen Organisation auseinanderzusetzen.

Es wäre generell wünschenswert, wenn die Gattung Comic öfters dazu genutzt würde, Menschen anzusprechen und über Wirtschaftsthemen zu aufzuklären.

Zur Rentendiskussion: Solange zu wenige Experten in den immergleichen Kreisen und zu viele Politiker in den immergleichen Fernsehrunden unter sich bleiben, sind die Chancen, dass es zu einer nachhaltigen Reform kommt, gering. Das gilt natürlich genauso für das Gesundheitssystem und viele andere Themen auch.

Und wo bleibt der Kafi Luz?

Der “Kafi Lutz” kommt gleich auf Seite eins. Die Bezeichnung soll, so meine Recherchen, die Abkürzung in Schweizerdeutsch für “Luzerner Kaffee” sein, den man mit Apfel- oder Birnenschnaps trinkt. Welche Rolle er spielt? Am besten selber lesen!

F.  Stephan Auch

Wer hat an der Uhr gedreht ….

Mittwoch, 12. Mai 2010

hat sich vielleicht Silvana Koch-Mehrin gedacht, als sie von Frank Plasberg am Ende seiner Sendung „Hart aber fair“ am 05.05.2010 um eine Einschätzung darüber gebeten wurde, wie viel Schulden Deutschland in den vergangenen 75 Minuten Sendezeit wohl angesammelt habe.

Und tatsächlich war sie bass erstaunt, dass sie, Finanzpolitikerin und „Superweib“ (DER SPIEGEL) der FDP, mit ihrer Einschätzung von € 6.000 bei tatsächlich 20 Millionen € aufgelaufener Schuldenlast so gründlich daneben lag.

Dr. Silvana Koch-Mehrin

Dr. Silvana Koch-Mehrin

Es mag den unbedarften Betrachter vielleicht enttäuschen, dass die studierte Volkswirtin und in Währungsfragen promovierte Vizepräsidentin des Europaparlaments den Standort Deutschland so günstig bewertet hat, dies sollte ihn aber bei der beteiligten Konkurrenz auch nicht verwundern.

Wenn die Altmeister fiskalischer Rechenoperationen, der eiserne Hans Eichel und König Kurt Biedenkopf, um ihre Expertise gebeten werden, kann die Gnade der späten Geburt nur ein schlechter Ratgeber sein.

Schließlich weiß Herr Eichel als Schröders einstmaliger Finanzminister nur zu gut, wie das Wort „Staatsverschuldung“ in konkreten Zahlen sich ausdrücken lässt. Daher zeugt Frau Doktors 6.000 eher von der freidemokratischen Tugendlehre als von unterirdischer Inkompetenz.

Denn erstens haben die Freien Demokraten seit den seligen Zeiten Ludwig Erhardts nie wieder einen Finanzminister gestellt und dass, obgleich die FDP an 18 von 22 Bundesregierungen seit 1949 beteiligt war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber die Tatsache, dass es in der Wirtschaftwunderzeit noch etwas zu verteilen gab und nicht nur Haushaltslöcher zu verwalten waren, erklärt möglicherweise auch das ewig penetrante und ein wenig einseitig wirkende Beharren von Guido & Co. auf Steuersenkungen. Wenn in 75 Minuten lediglich 6.000 € Schulden anfallen, ja, dann geht da doch noch was, Frau Merkel!

Und zweitens irrt deshalb Herr Plasberg mit seinem Verdikt, besagte Dame solle, ob der getätigten Fehleinschätzung, niemals Finanzministerin werden. Denn wie Plasbergs Schuldenspiel lehrt, scheint eine gewisse Unbedarftheit in Sachen Arithmetik die Grundvorrausetzung für das nachhaltige Wirken an der Spitze des Finanzministeriums zu sein; da sind wir uns in Europa einig.

Silvana lässt sich daher nicht lumpen und beweist uns noch einmal schriftlich in einem messerscharfen Faktencheck, wie sehr sie dieser Herausforderung gewachsen ist.

Wie es allerdings möglich ist, dass sich innerhalb von nur 75 Minuten ein Schuldenberg von 20 Millionen € überhaupt hat auftürmen können, das hätte Pilawa Plasberg den arithmetisch sattelfesten Eichel Hans ganz sicher hart aber fair gefragt, wenn, ja, wenn der Polittalk da nicht schon am Ende gewesen wäre.

-jk

Über den Autor

Jens Kohne ist Philosoph.  Sprache ist für ihn die kritische Auseinandersetzung mit der Welt.  Sein bisheriger Werdegang führte ihn von der Fabrik in die akademische Laufbahn, von dort zur Betriebswirtschaft und weiter zur PR- und Öffentlichkeitsarbeit bis zum Leiter einer öffentlichen Weiterbildungseinrichtung.

Über Hinweise, Beispiele, Anregungen und Ideen an  blog@mehrblick-blog.eu freue ich mich.

PR-Sprache – ein neuer Blog

Montag, 10. Mai 2010

“PR-Sprache” – das Wort hat keinen guten Klang. Damit verbindet man werbende und verschleiernde Marketingtexte, die als “Pressemitteilungen” verkleidet an Redaktionen versendet werden. Wo sie dann Journalisten nerven, die sie flugs in den Papierkorb befördern. “PR-Sprache” wird auch in Geschäftsberichten, Unternehmenbroschüren und auf Internetseiten eingesetzt, um abzulenken und zu beschönigen. “PR-Sprache” verwenden Werber, die sich auch “PR-Gags” ausdenken.

“PR-Sprache” und “Pressearbeit von Unternehmen”

Richtig verstandene und gut gemachte Pressearbeit kann für Unternehmen ein erfolgreiches Instrument sein, um auf Produkte, Dienstleistungen, Innovationen und andere Leistungen aufmerksam zu machen. Sachlich und informativ im Inhalt, journalistisch in der Sprache, interessant bei der Themenwahl unterstützen Pressetexte, Anwenderberichte, Journalistengespräche und Messepräsentationen den Vertrieb, die Imagebildung und das Verständnis über Unternehmen.  Erfolgreiche Pressearbeit liefert Informationen.

Der Leser wird für dumm verkauft

“PR-Sprache” und die dahinter stehende Einstellung machen das Gegenteil:  Sie bauschen auf, lenken ab, täuschen vor. Der Leser soll nicht informiert, sondern geblendet werden. Wenn der Inhalt nicht überzeugt oder der Schreiber dies befürchtet, dann helfen nur noch Superlative. Die Haltung dahinter: Der Empfänger ist zu dumm, um die Bedeutung einer echten Nachricht zu erkennen, deshalb wird diese marktschreierisch überhöht. Gibt es einmal keine Neuigkeit zu vermelden, wird der dumme Leser das schon nicht merken, dafür werden geschraubte Formulierungen, nichtssagende Floskeln und reißereische Aussagen verwendet.

Was erfolgreiche Pressearbeit ausmacht

Ich halte Pressearbeit für wichtig, Unternehmen, die ich hierbei unterstütze, nutzen dieses Instrument erfolgreich. Mich stört es, wenn der Kontakt zu einem Journalisten deshalb mühevoll ist,  weil dieser schlechte Erfahrungen mit anderen Unternehmen gehabt hat. Das erschwert mir ein Stück weit die Arbeit – solange, bis ich den Journalisten davon überzeugt habe, dass er von Pressemitteilungen meiner Kunden einen Nutzen hat: Indem er dadurch Anregungen zu anderen Themen bekommt, Neues über Innovationen aus einer für ihn interessanten Branche erfährt, Beispiele erfolgreicher Problemlösungen kennenlernt. Denn wer sich auf Unternehmensseite dazu entschließt, Journalisten wie ein Dienstleister als Kunden zu behandeln, wird schnell eine gute Zusammenarbeit aufbauen können.

Wofür soll ein Blog “PR-Sprache” gut sein?

Mir ist es wichtig, dass Unternehmen eine gute Sprache benutzen, wenn sie über Wirtschaft, Technik und Service berichten und sich an die Öffentlichkeit wenden. Leider gibt es genug Negativbeispiele, wo dies nicht der Fall ist. Mit diesem Blog möchte ich auf solche Mißstände aufmerksam machen, gleichzeitig aber auch positive Beispiele hervorheben und beides zur Diskussion und Kommentierung stellen. Damit sich vielleicht etwas ändert.

Über Hinweise, Beispiele, Anregungen und Ideen an  blog@mehrblick-blog.eu freue ich mich.