Kommissar Affolter, ein “Kafi Lutz” und das Rentensystem

Samstag, 19. Juni 2010
"Die fünft Variable", Edition Moderne, Zürich 2010

"Die fünfte Variable", Edition Moderne, Zürich 2010

Ist der Comic eine geeignete Form, um so etwas Kompliziertes wie das Rentensystem zu erklären? Gelingt es der bildlichen und textlichen Sprache des Mediums, dieses Wirtschaftsthema verständlich umzusetzen? In der Schweiz  macht es der Verlag Edition Moderne mit dem Band “Die fünfte Variable” vor.

Kommissar Affolter von der Schweizer Bundespolizei geht in Kürze in Rente. Vorher muss er noch eine Serie von Morden aufklären, bei denen die stets alleinstehenden Opfer ebenfalls kurz vor ihrem Ruhestand stehen und allesamt keine Erben hinterlassen.

Auffällig, das alle Toten ihre private Altersvorsorge bei der Pensionskasse Vesperis abgeschlossen hatten, die das angesparte Vermögen nun als sogenannten Rückfallgewinn einstreicht und damit ihr Vermögen aufstockt, während die Wettbewerber durch die Finanzkrise laufend Guthaben verlieren.

Derweil quält die Krise Wölfli, den gutherzigen und besorgten, aber anfangs ahnungslosen Kassenverwalter der Vesperis, mit Albträumen. Als er nachforscht, weshalb es so viele Rückfallgewinne gibt, kommt er langsam den verbrecherischen Machenschaften in seinem Haus auf die Spur und gerät selber in Gefahr.

Leserprobe aus "Die fünfte Variable"

Der anfangs ahnungslose Kassierer Wölfi hat Albträume.

Morde finanzieren Altersvorsorge

Der Titel des Comics bezieht sich auf eine der fünf Bestimmungsgrößen, die für die Höhe der in der Schweiz obligatorischen, privat abzuschließenden Rente verantwortlich sind: das Beitrittsalter, die Höhe der Einzahlung, der Ertrag während der Laufzeit, das Renten-Eintrittsalter und – als fünfte Variable – die erwartete Lebenszeit im Ruhestand, während der der Versicherte seine Rente ausgezahlt bekommt.

Stirbt der Pensionär früh, profitiert die Pensionskasse hiervon. Das macht sich die Vesperis im Comic zunutze.

Unterhaltsamer Sachcomic zum Rentensystem

Auftraggeber für den grafisch anspruchsvollen, vom Verlag in gewohnt hoher Qualität herausgebrachten und erzählerisch spannend gemachten Sachcomic ist der Schweizer Think Tank Avenir Suisse, der mit der ungewöhnlichen Veröffentlichung ein junges Publikum für ein so sperriges Thema wie die Altersvorsorge und das Rentensystem ansprechen möchte.

Der Leser erfährt, dass es in der Schweiz drei Säulen der Altersvorsorge gibt, eine staatliche – ähnlich der Deutschen Rentenversicherung -, eine obligatorische private und kapitalgedeckte Versicherung mit einem System aus Pensionskassen und eine freiwillige individuelle.

Die Geschichte zeigt aber nicht nur, wie das System aufgebaut ist, sondern auch, wo Schwachstellen sind. Im konkreten Fall ist dies die fehlende Kapitaldeckung der Pensionskassen, die aufgrund steigender Lebenserwartungen, eingeschränkter Anlagemöglichkeiten und unzureichender Erträge nicht in der Lage sind, die vorgeschriebenen Auszahlungen zu leisten, ohne ihre Mittel zu verzehren.

Nahegelegt wird der Schluss, dass Anpassungen an die demographische Entwicklung notwendig sind und hierfür die Auszahlungen verringert werden müssen, um das System davor zu bewahren, unaufhaltsam auf seinen Kollaps hinzusteuern.

Lesprobe aus "Die fünfte Variable".

Komissar Affolter und Komissarin Whitney Meier von der Schweizer Bundespolizei ermitteln.

Statt “Die Rente ist sicher” : Verständliche Aufklärung

In Zusammenarbeit mit Martin Janssen, Professor für Finanzmarktökonomie am Swiss Banking Institute der Universität Zürich, hat der Zeichner Christophe Badoux das Thema fesselnd und leicht verständlich umgesetzt. Wer “Die fünfte Variable” gelesen hat, kann die Problematik nachvollziehen und Parallelen und Unterschiede zur deutschen Altersvorsorge erkennen.

Derart publikumswirksam präsentiert, verliert das Thema zwar nicht an Gewicht, aber doch an Exklusivität. Das mag dazu führen, sich mit so einer wichtigen Frage wie der eigenen Altersvorsorge und ihrer gesellschaftlichen Organisation auseinanderzusetzen.

Es wäre generell wünschenswert, wenn die Gattung Comic öfters dazu genutzt würde, Menschen anzusprechen und über Wirtschaftsthemen zu aufzuklären.

Zur Rentendiskussion: Solange zu wenige Experten in den immergleichen Kreisen und zu viele Politiker in den immergleichen Fernsehrunden unter sich bleiben, sind die Chancen, dass es zu einer nachhaltigen Reform kommt, gering. Das gilt natürlich genauso für das Gesundheitssystem und viele andere Themen auch.

Und wo bleibt der Kafi Luz?

Der “Kafi Lutz” kommt gleich auf Seite eins. Die Bezeichnung soll, so meine Recherchen, die Abkürzung in Schweizerdeutsch für “Luzerner Kaffee” sein, den man mit Apfel- oder Birnenschnaps trinkt. Welche Rolle er spielt? Am besten selber lesen!

F.  Stephan Auch

Gilt noch immer: „Feuern Sie Ihre PR-Leute“

Donnerstag, 27. Mai 2010

“Feuern Sie Ihre PR-Leute”, hat Bernd Ziesemer, ehemaliger Chefredakteur des Handelsblattes,  einen Beitrag aus dem Jahr 2000 überschrieben – und der Inhalt ist eine Dekade später unvermindert aktuell. Deshalb verweise ich auf den Text regelmäßig bei IHK-Seminaren zur Pressearbeit mittelständischer Unternehmen, bei denen ich als Dozent auftreten darf.

Ziesemer nannte eine Reihe von Gründen, mit denen sich sogenannte Kommunikationsfachleute für Pressearbeit disqualifizieren. Anhand von Beispielen aus PR-Texten von Unternehmen zeigte er auf, was Redakteure damals nervte – und was auch heute Ausschlussktriterien für gute Pressemitteilungen sind: nichtige Anlässe, fehlerhaftes oder geschwollenes Deutsch, mit englischen Ausdrücken gespickte Texte, nichtssagende Zitate, telefonisches Nachfassen, ob die Meldung auch veröffentlicht wird.

Kurz nach der Jahrtausendwende war er sicherlich genervt vom “Neuen Markt”-Hype gewesen. Wir erinnern uns, dass sich im Umfeld zahlreicher Börsengänge eine Flut schlecht formulierter, nichtssagender Unternehmens-Pressemitteilungen über die Redaktionen von Tageszeitungen und Fachzeitschriften ergoss.

Ein Jahrzehnt später ist es  nicht besser geworden. Internetportale, bei denen jedermann kostenlos Pressemitteilungen veröffentlichen kann, geben auch dem Nicht-Redaktionsmitglied einen Einblick in das, was aktuell von PR-Leuten verbrochen wird.

Ein Beispiel gefällig?

Den Text  Die NEUE S320-12 ist ein starker Typ mit starkem Auftritt vom 14. April 2010 fand ich im Portal www.pressemitteilung.ws.  Er beginnt mit  den Zeilen: “Erneut das HÖHEN – Limit nach oben verschoben hat Fa. H.A.B. aus Kronau. Mit der neuen S 320-12 stellt H.A.B. nochmals unter Beweis, was technisch machbar ist. Bereits seit Dezember letzten Jahres laufen die beiden ersten Geräte dieser neuen SUPER Serie und sind schon jetzt nicht mehr wegzudenken. ”

Und? Wissen Sie, um was es geht (wenn Sie über die Versalien hinweggekommen sind)? Wie sollten Sie auch. Erst weitere zwei Sätze später kommt der Hinweis: “Zudem sind ALLE Hochregal – Bühnen von H.A.B. in VOLLER Höhe verfahrbar.”

Die Negativliste lässt sich leicht ergänzen

Zu Ziesemers Negativkriterien lassen sich bereits nach Lektüre dieses Textes noch weitere hinzufügen: Wer in seinem Text nicht verrät, um was es ihm geht – gehört gefeuert. Wer mit Großbuchstaben herumschreit und Ausdrücke wie “Super” benutzt – gehört gefeuert.

Wer behauptet, eine Firma beweise mit einer neuen Hochregal-Bühne, “was technisch machbar ist” – gehört gefeuert und noch einmal auf die Schule. Und wer glaubt,  dass es mitteilenswert sei, dass eine Hochregal-Bühne nicht mehr wegzudenken sei, der soll doch einmal zeigen, wie es möglich ist, auch nur eine Schraube “wegzudenken”. Man darf gespannt sein: Die Autorin bezeichnet sich selbst als “Journalistin, Psychologin, Dozentin” – vielleicht kann sie das ja.

Beispiele für weitere Textkritik

Für Hinweise auf interessante Pressemitteilungen, Veröffentlichungen in Publikationen oder im Internet für eine Textkritik bin ich dankbar. Bitte mailen an blog@mehrblick-blog.eu.

F.  Stephan Auch

Wer hat an der Uhr gedreht ….

Mittwoch, 12. Mai 2010

hat sich vielleicht Silvana Koch-Mehrin gedacht, als sie von Frank Plasberg am Ende seiner Sendung „Hart aber fair“ am 05.05.2010 um eine Einschätzung darüber gebeten wurde, wie viel Schulden Deutschland in den vergangenen 75 Minuten Sendezeit wohl angesammelt habe.

Und tatsächlich war sie bass erstaunt, dass sie, Finanzpolitikerin und „Superweib“ (DER SPIEGEL) der FDP, mit ihrer Einschätzung von € 6.000 bei tatsächlich 20 Millionen € aufgelaufener Schuldenlast so gründlich daneben lag.

Dr. Silvana Koch-Mehrin

Dr. Silvana Koch-Mehrin

Es mag den unbedarften Betrachter vielleicht enttäuschen, dass die studierte Volkswirtin und in Währungsfragen promovierte Vizepräsidentin des Europaparlaments den Standort Deutschland so günstig bewertet hat, dies sollte ihn aber bei der beteiligten Konkurrenz auch nicht verwundern.

Wenn die Altmeister fiskalischer Rechenoperationen, der eiserne Hans Eichel und König Kurt Biedenkopf, um ihre Expertise gebeten werden, kann die Gnade der späten Geburt nur ein schlechter Ratgeber sein.

Schließlich weiß Herr Eichel als Schröders einstmaliger Finanzminister nur zu gut, wie das Wort „Staatsverschuldung“ in konkreten Zahlen sich ausdrücken lässt. Daher zeugt Frau Doktors 6.000 eher von der freidemokratischen Tugendlehre als von unterirdischer Inkompetenz.

Denn erstens haben die Freien Demokraten seit den seligen Zeiten Ludwig Erhardts nie wieder einen Finanzminister gestellt und dass, obgleich die FDP an 18 von 22 Bundesregierungen seit 1949 beteiligt war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber die Tatsache, dass es in der Wirtschaftwunderzeit noch etwas zu verteilen gab und nicht nur Haushaltslöcher zu verwalten waren, erklärt möglicherweise auch das ewig penetrante und ein wenig einseitig wirkende Beharren von Guido & Co. auf Steuersenkungen. Wenn in 75 Minuten lediglich 6.000 € Schulden anfallen, ja, dann geht da doch noch was, Frau Merkel!

Und zweitens irrt deshalb Herr Plasberg mit seinem Verdikt, besagte Dame solle, ob der getätigten Fehleinschätzung, niemals Finanzministerin werden. Denn wie Plasbergs Schuldenspiel lehrt, scheint eine gewisse Unbedarftheit in Sachen Arithmetik die Grundvorrausetzung für das nachhaltige Wirken an der Spitze des Finanzministeriums zu sein; da sind wir uns in Europa einig.

Silvana lässt sich daher nicht lumpen und beweist uns noch einmal schriftlich in einem messerscharfen Faktencheck, wie sehr sie dieser Herausforderung gewachsen ist.

Wie es allerdings möglich ist, dass sich innerhalb von nur 75 Minuten ein Schuldenberg von 20 Millionen € überhaupt hat auftürmen können, das hätte Pilawa Plasberg den arithmetisch sattelfesten Eichel Hans ganz sicher hart aber fair gefragt, wenn, ja, wenn der Polittalk da nicht schon am Ende gewesen wäre.

-jk

Über den Autor

Jens Kohne ist Philosoph.  Sprache ist für ihn die kritische Auseinandersetzung mit der Welt.  Sein bisheriger Werdegang führte ihn von der Fabrik in die akademische Laufbahn, von dort zur Betriebswirtschaft und weiter zur PR- und Öffentlichkeitsarbeit bis zum Leiter einer öffentlichen Weiterbildungseinrichtung.

Über Hinweise, Beispiele, Anregungen und Ideen an  blog@mehrblick-blog.eu freue ich mich.

PR-Sprache – ein neuer Blog

Montag, 10. Mai 2010

“PR-Sprache” – das Wort hat keinen guten Klang. Damit verbindet man werbende und verschleiernde Marketingtexte, die als “Pressemitteilungen” verkleidet an Redaktionen versendet werden. Wo sie dann Journalisten nerven, die sie flugs in den Papierkorb befördern. “PR-Sprache” wird auch in Geschäftsberichten, Unternehmenbroschüren und auf Internetseiten eingesetzt, um abzulenken und zu beschönigen. “PR-Sprache” verwenden Werber, die sich auch “PR-Gags” ausdenken.

“PR-Sprache” und “Pressearbeit von Unternehmen”

Richtig verstandene und gut gemachte Pressearbeit kann für Unternehmen ein erfolgreiches Instrument sein, um auf Produkte, Dienstleistungen, Innovationen und andere Leistungen aufmerksam zu machen. Sachlich und informativ im Inhalt, journalistisch in der Sprache, interessant bei der Themenwahl unterstützen Pressetexte, Anwenderberichte, Journalistengespräche und Messepräsentationen den Vertrieb, die Imagebildung und das Verständnis über Unternehmen.  Erfolgreiche Pressearbeit liefert Informationen.

Der Leser wird für dumm verkauft

“PR-Sprache” und die dahinter stehende Einstellung machen das Gegenteil:  Sie bauschen auf, lenken ab, täuschen vor. Der Leser soll nicht informiert, sondern geblendet werden. Wenn der Inhalt nicht überzeugt oder der Schreiber dies befürchtet, dann helfen nur noch Superlative. Die Haltung dahinter: Der Empfänger ist zu dumm, um die Bedeutung einer echten Nachricht zu erkennen, deshalb wird diese marktschreierisch überhöht. Gibt es einmal keine Neuigkeit zu vermelden, wird der dumme Leser das schon nicht merken, dafür werden geschraubte Formulierungen, nichtssagende Floskeln und reißereische Aussagen verwendet.

Was erfolgreiche Pressearbeit ausmacht

Ich halte Pressearbeit für wichtig, Unternehmen, die ich hierbei unterstütze, nutzen dieses Instrument erfolgreich. Mich stört es, wenn der Kontakt zu einem Journalisten deshalb mühevoll ist,  weil dieser schlechte Erfahrungen mit anderen Unternehmen gehabt hat. Das erschwert mir ein Stück weit die Arbeit – solange, bis ich den Journalisten davon überzeugt habe, dass er von Pressemitteilungen meiner Kunden einen Nutzen hat: Indem er dadurch Anregungen zu anderen Themen bekommt, Neues über Innovationen aus einer für ihn interessanten Branche erfährt, Beispiele erfolgreicher Problemlösungen kennenlernt. Denn wer sich auf Unternehmensseite dazu entschließt, Journalisten wie ein Dienstleister als Kunden zu behandeln, wird schnell eine gute Zusammenarbeit aufbauen können.

Wofür soll ein Blog “PR-Sprache” gut sein?

Mir ist es wichtig, dass Unternehmen eine gute Sprache benutzen, wenn sie über Wirtschaft, Technik und Service berichten und sich an die Öffentlichkeit wenden. Leider gibt es genug Negativbeispiele, wo dies nicht der Fall ist. Mit diesem Blog möchte ich auf solche Mißstände aufmerksam machen, gleichzeitig aber auch positive Beispiele hervorheben und beides zur Diskussion und Kommentierung stellen. Damit sich vielleicht etwas ändert.

Über Hinweise, Beispiele, Anregungen und Ideen an  blog@mehrblick-blog.eu freue ich mich.