Kann man das nicht bei Google übersetzen lassen?

Mittwoch, 18. Mai 2011

Mensch oder Maschine – über den (kritischen) Einsatz von Übersetzungssoftware in international agierenden, mittelständischen Unternehmen.

Globalisierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit sind längst nicht mehr nur Themen großer Konzerne. Auch mittelständische Unternehmen sehen sich immer mehr den damit verbundenen Herausforderungen gegenüber. Grundlage für eine erfolgreiche Internationalisierung der Geschäftsaktivitäten ist die Fähigkeit des Unternehmens, mehrsprachig zu kommunizieren. Ohne Kommunikation kein Geschäft – und so fallen ungeahnt große Textmengen an, die mitunter in zahlreiche Sprachen übertragen werden müssen. Produktinformationen, Gebrauchsanweisungen, Verträge, Geschäftsbriefe… Da sieht sich so mancher, der sich mit der Materie noch nie befasst hat, einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber.

Um Kosten und Zeit zu sparen und oft auch aus Mangel an Informationen, werden schnell maschinelle Übersetzungen oder kostenlose Angebot wie Google in Betracht gezogen, die noch sehr viel interessanter erscheinen, nachdem man bei Agenturen die Zeilenpreise der menschlichen Fachübersetzer erfahren hat.

Die richtige Übersetzungsmethode

Es gibt jedoch eine große Bandbreite an Mischformen, mit denen Kosten und Zeit gespart und dennoch Ergebnisse guter Qualität erzielt werden können. Hier sind detaillierte Informationen und differenziertes Abwägen gefragt.

Die rein maschinelle Übersetzung durch kostengünstige Software oder Freeware etwa wird von vielen Sprachdienstleistern komplett abgelehnt. Dennoch kann sie durchaus sinnvoll sein, wenn es ausschließlich darum geht, einen fachkundigen Mitarbeiter über den groben Inhalt eines Textes zu informieren, besonders wenn es mal schnell gehen muss.

Auch maschinelle Übersetzungen mit verschieden ausgeprägter Nachbearbeitung durch einen Fachübersetzer werden von Agenturen selten angeboten, sind aber eine kostengünstige Möglichkeit inhaltlich korrekte Übertragungen von wenig komplexen Texten zu erhalten.

Vorteile von Terminologiedatenbanken

Besonders interessant für Unternehmen ist die computerunterstützte Übersetzung mit CAT-Tools, bei der ein Fachübersetzer mithilfe einer Textdatenbank oft besonders zügig und damit auch kostengünstig arbeiten kann. Der enorme Vorteil dieser Methode ist die Konsistenz bezüglich der Terminologie. Ist ein Wort einmal in der Datenbank, wird dieses auch bei allen späteren Übertragungen automatisch verwendet. So trägt diese besonders bei der Übertragung von Gebrauchsanweisungen beliebte Methode dazu bei, Missverständnisse und Unklarheiten bei Produkt- oder Komponentenbezeichnungen von Anfang an zu vermeiden.

Die rein menschliche Übersetzung, die von Agenturen vornehmlich angeboten wird, ist oft kostspielig und zeitaufwändig, aber nur bei wenigen Texten in der Unternehmenskommunikation, wie etwa bei Geschäftsbriefen oder Pressemitteilungen, wirklich notwendig.

Unter den zahlreichen Angeboten kann also jedes einzelne in der entsprechenden Situation sinnvoll sein und auch mit knappem Budget ist eine erfolgreiche Präsentation mittelständischer Unternehmen auf ausländischen Märkten möglich.

Hier finden Sie nähere Erläuterungen  zu den verschiedenen Übersetzungsmethoden und Tipps zur richtigen Auswahl des jeweils sinnvollsten Angebotes.

Die Autorin Susanne Aufmuth ist Übersetzerin für Englisch, Spanisch und Französisch. Kontakt:  susanne.aufmuth@gmail.com .

Technikjournalismus: Modetrend oder notwendige Vermittlung zwischen Technik & Leser?

Dienstag, 15. Februar 2011

Studienangebote zum Technikjournalisten haben Konjunktur, so auch in Nürnberg: Erstmals seit der Einführung zum Wintersemester 2009/2010 bietet die Georg-Simon-Ohm-Hochschule den Studiengang Technikjournalismus nun auch zum Sommersemester an.

Damit reagiert sie nicht nur auf den diesjährigen doppelten Abiturjahrgang in Bayern, sondern auch auf den Wunsch von Wirtschaft und Medien nach technisch ausgebildeten Journalisten. Rund 60 Studenten haben sich in den vergangenen zwei Jahren für diesen Studiengang an der Hochschule entschieden. Technikjournalist – nur ein Modeberuf oder eine Profession mit Perspektive?

Wissen und Informationen als Gesellschaftsproblem

Im Jahr 2002 haben Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Festkörperforschung, Stuttgart, in einem Beitrag „Literaturflut – Informationslawine – Wissensexplosion Wächst der Wissenschaft das Wissen über den Kopf?“ geschätzt, dass die Zahl der Menschen mit wissenschaftlich-technischer Bildung zwischen 1950 und 2000 von 10 Millionen auf 100 Millionen zugenommen hat.  Parallel zur Zahl der Wissenschaftler steige die Informationsmenge an.

Mehr Forschung führt aber nicht nur zu einer ungeheuren Vermehrung von Wissens und Innovationen. Auch die Komplexität und Spezialisierung der Themen nimmt zu. Das zwingt Forscher und Entwickler immer häufiger, Neuerungen fach-, markt-, und zielgruppengerecht zu publizieren. Die Leserkreise sind vielfältig und reichen von Unternehmen und anderen Technikverwertern über mögliche Finanziers bis zu den Medien und Verbrauchern. Jede Gruppe benötigt unterschiedliche Informationen in einer anderen Sprache.

Mehr Masse als Klasse

Ein besonderer Aspekt beim Informationsverhalten der Verbraucher ist die zunehmende Nutzung von Meinungs- und Bewertungsportalen wie Dooyoo.de und Ciao.de. Das Internet verspricht ein breites Informationsangebot und Suchmaschinen schnell verfügbares Wissen.

Ciao.de, nach eigenen Angaben Europas Verbraucher- und Shopping-Portal Nummer eins, steht mit mittlerweile rund sechs Millionen subjektiven Erfahrungsberichten und Produktbewertungen von Konsumenten beispielhaft für die webbasierte Informationsexplosion. Das Problem: Es vermehrt sich weniger die Qualität als die Quantität der Informationen, so dass die Masse der Einträge die Auswahl der nützlichen erschwert.

Die Chance für etablierte Medien

Das muss der Ansatzpunkt für die Medien sein. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten, Informationen für den Leser zu selektieren und zu strukturieren. Das gilt für die Politik, die Wirtschaft und wird zunehmend eben auch für technische Themen relevant.

Das Problem ist, dass viele technische Verlautbarungen und Pressemitteilungen noch in schwer verständlicher Sprache formuliert sind. Technikjournalisten sind in der Lage, die Informationen zu verstehen, zu bewerten, mit Hintergrundinformation anzureichern und zielgruppengerecht darzustellen.

Bei schwierigen und gesellschaftlich brisanten Themengebieten, beispielsweise aus der Umwelt-, Atom-  und Gentechnik, wird der Leser erst durch verständliche und qualifizierte Informationen in die Lage versetzt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich eine Meinung bilden zu können.

Perspektive Technikjournalismus

Noch sieht die Wirklichkeit anders aus. Die Medien greifen auf Journalisten mit autodidaktisch erworbenem technischen Wissen zurück, die Wirtschaft auf Ingenieure mit Zeitmangel und fehlender sprachlicher Schulung.

Quasi als Vermittler zwischen Technik und Sprache soll der 1999 an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg eingeführte Studiengang Technikjournalismus fungieren. Die Studieninhalte sind zu gleichen Teilen auf Journalismus und technische Themengebiete aufgeteilt.

60 Studienplätze stehen mittlerweile für den auf den Bachelorabschluss umgestellten Studiengang zur Verfügung – rund 200 Absolventen in den letzten 10 Jahren haben das Angebot genutzt. Dass ausgerechnet die bekannteste Studentin des Studienganges, Katrin Bauernfeind, mit nicht-technischen Themen große Erfolge in den populären Medien feiert, schmälert die Qualität des Studienprogramms in keiner Weise, sondern zeigt die Vielseitigkeit der Absolventen.

Werbebranche, Projektmanagement, Medienbereich, PR-Agenturen und technikgeprägte Unternehmen – die späteren Arbeitsbereiche sind vielseitig. 95% der Absolventen haben laut Hochschule einen Job gefunden. Wachsendes Interesse der Gesellschaft für technische Themen und der weiter steigende Pegel der Informationsflut lässt den Koordinator, Professor und Mitentwickler des Studiengangs Prof. Dr. Andreas Schümchen auch für die Zukunft ein reges Interesse der Arbeitgeber an den Absolventen prognostizieren. Der Nürnberger Georg-Simon-Ohm-Hochschule ist zu wünschen, dass ihr Studienangebot ebenfalls ein großer Erfolg wird.

Der Autor Patrick Kraus studiert Maschinenbau in Nürnberg. Zum Sommer 2011 plant er den Wechsel ins Studienfach Technikjournalismus.

Von französischen Schöpfern und indischen Nudeln

Sonntag, 07. November 2010

Bis vor kurzem konnte man sich in den Werbespots von Renault noch an einem markig gesprochenen „Créateur d’automobiles“ erfreuen. Da wurden Assoziationen ausgelöst, die nicht nur Erinnerungen an Frankreich und Vorstellungen von elegantem Savoir vivre wach werden ließen, sondern auch den Eindruck vermittelten, daß Menschen wie Gott zu Beginn der Schöpfung aus dem Nichts Unermeßliches erschaffen würden.

Indische Nudeln aus der Douglas-Parfümerie

Dieser mit korrektem französischen Akzent ausgesprochene Leitspruch setzte sich angenehm ab von einer Werbung, die vor einigen Jahren die Firma Douglas in der Vorweihnachtszeit im Fernsehen laufen ließ. Beworben wurde ein Duft namens „Nuits indiennes“, „Indische Nächte“. Darunter kann man sich etwas vorstellen.

Wohl um das deutsche Publikum phonetisch nicht zu überfordern, sprach die Stimme aus dem Off das immer so aus, daß es wie „Nouilles indiennes“ klang, also wie „Indische Nudeln“. Darunter kann man sich auch etwas vorstellen, allerdings etwas, was den Absichten der Werbemacher sicher zuwider lief. Inzwischen hat Douglas das Parfüm nicht mehr im Programm.

Für wie dumm darf man potentielle Kunden halten?

Daher eine gewisse Hochachtung gegenüber Renault, der zum Ausdruck brachte, daß er seine Adressaten nicht für blöd hält. Und nun wurde „Créateur d’automobiles“ ersetzt durch den englischen Slogan „Drive the Change“.

Sind nun auch hier die Verantwortlichen der Meinung, daß das Französische, das als Schulfach in der Tat stetig weniger nachgefragt wird (wie sollen auch Schüler zurechtkommen, wenn in den Medien Nächte und Nudeln verwechselt werden), potentielle Käufer überfordert? Man muß immerhin davon ausgehen, daß dieses Publikum genug Englisch versteht, um mitzubekommen, daß „Fahr den Wechsel“, auch wenn man den Wortlaut versteht, beim besten Willen keinen Sinn macht.

Anke Wortmann

Kienzle und Günther im Heizungskeller – oder: Das Fiasko eines Facility-Managers

Dienstag, 02. November 2010

In der „Beruf und Chance“-Beilage  der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Wochenende 16./17. Oktober findet sich ein bemerkenswertes Streitgespräch zwischen dem Schulhausmeister Rolf Kienzle und dem Facility Manager Thomas Günther. Es ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch deshalb lesenswert und eines Kommentars würdig, weil Günther, der Selbstständiger ist und an der FH Gießen lehrt, unfreiwillig die völlige Überflüssigkeit seines Berufsstandes zum Besten gibt.

Entspannter Gewinner ist Hausmeister Kienzle, der am Ende als Vorsitzender des Verdi-Arbeitskreises Hessische Schulhausmeister (ja den gibt es) amüsiert erklärt, dass er wohl erst studieren müsse, um zu begreifen, was der Facility Manager besser kann als er. Am Besten aber nicht bei Günther.

Der Facility Manager lacht und denkt anders

Günther redet sich vom Anfang des Gesprächs an um Kopf und Kragen. Was er denn mache? Günther, humorvoll, lacht überlegen und antwortet, dass er „anders denkt“, nämlich „in Prozessen“ und deshalb beispielsweise die Inspektion vor eine Wartung ziehe.

Und dass sein Berufsstand erst einmal gucke, ob etwas wirklich notwendig sei, weil das Ziel ja sei, Betriebs- und Energiekosten zu senken. Kienzle kontert, dass ein Hausmeister genau dies mache und dabei noch auf die Unfallverhütung achte und Kleinigkeiten selber behebe.

Darauf holt Günther mit einem anschaulichen Beispiel zum Gegenschlag aus: Dass er nämlich die Reinigung der Scheiben eines Glasaufzugs mit dessen Wartung zusammenlege, so dass das Beförderungsmittel nur einmal stillgelegt sei. Als Kienzle ihm antwortet, das sei doch logisch, fällt Günther nur noch die Nachfrage ein, ob es denn auch wirklich so gemacht würde.

Schüler können nicht logisch denken

Der Facility Manager zeigt im weiteren Gespräch noch ein zweites Mal, dass er sich für besonders klug, andere aber für dumm hält. Mit der Bemerkung, der Vergleich eines Bürogebäudes mit einer Schule sei nicht zulässig, will er sich auf ein Gesprächsterrain retten, auf dem er sich sicherer fühlt. Denn: „Da sind ja Menschen drin, die weniger spontan sind als Schüler und logisch denken können.“

Wenn es Probleme gibt, zieht Günther das Sakko aus

Kläglich scheitert der überhebliche Günther, wenn es ein Problem gibt und er richtig zupackend wirken möchte. Denn dann „ziehe ich das Sakko aus und gehe in die Heizungsanlage rein. Fertig.“ Kienzle: „Täglich von morgens 7 Uhr bis abends 18 Uhr?“ Günther: „Ich persönlich nicht, weil mein Kunde mich nicht acht Stunden vor Ort haben will.“ Das kann man verstehen.

Ungelöst bleibt das Rätsel um das Geld

Natürlich geht es noch ums Geld. Mit ihrer Frage, wie Günther es schaffe, seinen Kunden die gleich Arbeit wie der Hausmeister zu versprechen und dabei kostengünstiger zu sein, bauen ihm die Interviewer Sebastian Balzter und Corinna Budras eine goldene Brücke. Die der Facility Manager glatt verpasst und stattdessen wieder in die Irre läuft.

Am Ende ist der Hausmeister konkurrenzlos günstig, der Facility Manager mit höherem Gehalt hockt am Schreibtisch – wenn es Probleme gibt ohne Sakko – und beschäftigt Hausmeister, deren Gehalt nicht konkretisiert wird. Wahrscheinlich, weil dort die Kosten eingespart werden, mit denen Günther die „erheblichen Einsparungen in den Betriebskosten“ erzielt.

F.  Stephan Auch

Hier steht der Leser nicht im Mittelpunkt

Mittwoch, 06. Oktober 2010

Der Kommunikationsmanager ist eine Zeitschrift, die vom F.A.Z.-Institut und der Firma PRIME research international herausgegeben wird und die ich als Mitglied des PR-Berufsverbandes DPRG monatlich zugeschickt bekomme. Sie ist vor allem ein Forum, in dem sich PR-Manager von großen und wichtigen Unternehmen und PR-Agenturen mit großen und wichtigen Themen darstellen können.

So bekennt der Leiter der Konzernkommunikation der Deutschen Post AG im aktuellen Heft vom September 2010, dass er sich als Spielertrainer für sein Team versteht und der Leiter Corporate Communications der Lanxess Deutschland GmbH erklärt unter der Überschrift „Gut für das Geschäft, gut für die Gemeinschaft“ in der Rubrik „Best Practice“, wie das Unternehmen, für das er arbeitet, „unternehmerische Verantwortung versteht – und wahrnimmt“.

Außerdem kommen Vertreter von Coca-Cola, der Allianz, Ford und Cisco zu Wort. Sie alle verraten dem Leser, was sie wie richtig machen in Sachen Kommunikation. Irgendwo hatte ich einmal gehört, dass professionelle Kommunikation Dritte dazu bringt, Gutes über einen zu sagen. Das gilt im vorliegenden Fall wohl nicht.

Wie bestimmt keine Bilder im Kopf entstehen

Interessant ist die Sprache: Aus dem Heft fallen Beilagen zum „4. Deutschen Marken-Summit“ (von F.A.Z.-Institut und „Kommunikationsmanager“) und dem „Deutschen Image Award 2010“ (von den Herausgebern und der DPRG) , zur Konferenz „Chefsache Issues Management“ (von einer Agentur) und zum „Part-time program for experienced professionals“ zum „Executive Master of Science in Communications Management“.

Gut, das letzte Angebot stammt von einer Schweizer Hochschule mit Englisch als Lehrsprache. Alle anderen Titel versuchen mit hochtrabenden englischen Bezeichnungen Modernität und Kompetenz zu suggerieren. In der Zeitschrift selber geht es nahtlos weiter: Bei der Überschrift „Smart Grid: ‚Laßt Bilder in den Köpfen entstehen'“ frage ich mich, welche Vorstellung hierbei entstehen soll.

Bei „Internal Branding – damit Arbeit Sinn macht“ erfährt der Leser natürlich nicht, warum er sich von montags bis freitags morgens aus dem Bett quält. Weitere Überschriften zu deutschsprachigen (!) Beiträgen: „Leadership statt Management: Führung durch Kommunikation“, „As we grow, you grow“.

Englisch, Englisch, also wichtig, wichtig.

Auf Deutsch könnte man die Inhalte ja nicht so treffend ausdrücken und es klingt auch nicht so schön.  Dieses Argument erinnert mich ganz stark an die Zeiten, als noch kein deutscher Musiker außer Udo Lindenberg in seiner Muttersprache singen wollte und diese dem Schlager und der Volksmusik vorbehalten war.

Ist es ein Minderwertigkeitskomplex, der die Sprecher oder Schreiber dazu bringt, ihre Weltläufigkeit und ihre fachliche Kompetenz mit englischen Ausdrücken beweisen zu wollen? Eher nicht, denn es handelt sich um hochqualifizierte Kommunikatoren in herausragenden Stellungen.

Dann kann es nur Bequemlichkeit sein. Wie sagte der Journalist Wolf Schneider: „Wenn ein Text über einen komplizierten Vorgang verstanden werden soll muss einer sich plagen – der Schreiber oder der Leser… Berufsschreiber sind Leute, denen man zumuten sollte, die Plage selbst zu tragen. Sie brauchen Service-Gesinnung.“ (Aus: Wolf Schneider: Wörter machen Leute, erschienen beim Piper-Verlag München)

Wenn aber schon den Kommunikationsverantwortlichen die Service-Gesinnung fehlt, von wem soll man diese in einem Unternehmen noch erwarten können?

F.  Stephan Auch

Vom Ende der Krise

Mittwoch, 23. Juni 2010

Krise, das muss ein tolles Ding sein. So hervorragend und außergewöhnlich, dass in den Zeitungen und Zeitschriften seit einiger Zeit schon viele Anzeigenseiten dem gesteigerten Interesse an diesem famosen Phänomen und der Berichterstattung darüber geopfert werden. Selbst die Fußballweltmeisterschaft kann daran nichts ändern. Was genau die Krise ist, das bleibt häufig unklar. Was allerdings durch ihre vermutete Monstrosität nur als allzu verständlich erscheinen muss.

Krise, das ist Griechisch. Was nicht eigentlich verwundert, aber in seiner Bedeutung bemerkenswert ist. Denn krinein bedeutet scheiden oder urteilen und so ist die Krisis, derjenige Zustand, der zu einer Entscheidung drängt und in dem also eine Entscheidung fällt.

Die Erkenntnis ist beruhigend: Solange die Entscheidung nur lange genug zurückgehalten wird, gibt es eigentlich keine Krise und das Gerede darüber erweist sich als wahrer Unsinn. Das hat auch die Politik erkannt und entscheidet, ganz folgerichtig, um die Krise zu beenden: Nichts. Chapeau, für soviel Scharfsinn!

-jk

Kommissar Affolter, ein „Kafi Lutz“ und das Rentensystem

Samstag, 19. Juni 2010
"Die fünft Variable", Edition Moderne, Zürich 2010

"Die fünfte Variable", Edition Moderne, Zürich 2010

Ist der Comic eine geeignete Form, um so etwas Kompliziertes wie das Rentensystem zu erklären? Gelingt es der bildlichen und textlichen Sprache des Mediums, dieses Wirtschaftsthema verständlich umzusetzen? In der Schweiz  macht es der Verlag Edition Moderne mit dem Band „Die fünfte Variable“ vor.

Kommissar Affolter von der Schweizer Bundespolizei geht in Kürze in Rente. Vorher muss er noch eine Serie von Morden aufklären, bei denen die stets alleinstehenden Opfer ebenfalls kurz vor ihrem Ruhestand stehen und allesamt keine Erben hinterlassen.

Auffällig, das alle Toten ihre private Altersvorsorge bei der Pensionskasse Vesperis abgeschlossen hatten, die das angesparte Vermögen nun als sogenannten Rückfallgewinn einstreicht und damit ihr Vermögen aufstockt, während die Wettbewerber durch die Finanzkrise laufend Guthaben verlieren.

Derweil quält die Krise Wölfli, den gutherzigen und besorgten, aber anfangs ahnungslosen Kassenverwalter der Vesperis, mit Albträumen. Als er nachforscht, weshalb es so viele Rückfallgewinne gibt, kommt er langsam den verbrecherischen Machenschaften in seinem Haus auf die Spur und gerät selber in Gefahr.

Leserprobe aus "Die fünfte Variable"

Der anfangs ahnungslose Kassierer Wölfi hat Albträume.

Morde finanzieren Altersvorsorge

Der Titel des Comics bezieht sich auf eine der fünf Bestimmungsgrößen, die für die Höhe der in der Schweiz obligatorischen, privat abzuschließenden Rente verantwortlich sind: das Beitrittsalter, die Höhe der Einzahlung, der Ertrag während der Laufzeit, das Renten-Eintrittsalter und – als fünfte Variable – die erwartete Lebenszeit im Ruhestand, während der der Versicherte seine Rente ausgezahlt bekommt.

Stirbt der Pensionär früh, profitiert die Pensionskasse hiervon. Das macht sich die Vesperis im Comic zunutze.

Unterhaltsamer Sachcomic zum Rentensystem

Auftraggeber für den grafisch anspruchsvollen, vom Verlag in gewohnt hoher Qualität herausgebrachten und erzählerisch spannend gemachten Sachcomic ist der Schweizer Think Tank Avenir Suisse, der mit der ungewöhnlichen Veröffentlichung ein junges Publikum für ein so sperriges Thema wie die Altersvorsorge und das Rentensystem ansprechen möchte.

Der Leser erfährt, dass es in der Schweiz drei Säulen der Altersvorsorge gibt, eine staatliche – ähnlich der Deutschen Rentenversicherung -, eine obligatorische private und kapitalgedeckte Versicherung mit einem System aus Pensionskassen und eine freiwillige individuelle.

Die Geschichte zeigt aber nicht nur, wie das System aufgebaut ist, sondern auch, wo Schwachstellen sind. Im konkreten Fall ist dies die fehlende Kapitaldeckung der Pensionskassen, die aufgrund steigender Lebenserwartungen, eingeschränkter Anlagemöglichkeiten und unzureichender Erträge nicht in der Lage sind, die vorgeschriebenen Auszahlungen zu leisten, ohne ihre Mittel zu verzehren.

Nahegelegt wird der Schluss, dass Anpassungen an die demographische Entwicklung notwendig sind und hierfür die Auszahlungen verringert werden müssen, um das System davor zu bewahren, unaufhaltsam auf seinen Kollaps hinzusteuern.

Lesprobe aus "Die fünfte Variable".

Komissar Affolter und Komissarin Whitney Meier von der Schweizer Bundespolizei ermitteln.

Statt „Die Rente ist sicher“ : Verständliche Aufklärung

In Zusammenarbeit mit Martin Janssen, Professor für Finanzmarktökonomie am Swiss Banking Institute der Universität Zürich, hat der Zeichner Christophe Badoux das Thema fesselnd und leicht verständlich umgesetzt. Wer „Die fünfte Variable“ gelesen hat, kann die Problematik nachvollziehen und Parallelen und Unterschiede zur deutschen Altersvorsorge erkennen.

Derart publikumswirksam präsentiert, verliert das Thema zwar nicht an Gewicht, aber doch an Exklusivität. Das mag dazu führen, sich mit so einer wichtigen Frage wie der eigenen Altersvorsorge und ihrer gesellschaftlichen Organisation auseinanderzusetzen.

Es wäre generell wünschenswert, wenn die Gattung Comic öfters dazu genutzt würde, Menschen anzusprechen und über Wirtschaftsthemen zu aufzuklären.

Zur Rentendiskussion: Solange zu wenige Experten in den immergleichen Kreisen und zu viele Politiker in den immergleichen Fernsehrunden unter sich bleiben, sind die Chancen, dass es zu einer nachhaltigen Reform kommt, gering. Das gilt natürlich genauso für das Gesundheitssystem und viele andere Themen auch.

Und wo bleibt der Kafi Luz?

Der „Kafi Lutz“ kommt gleich auf Seite eins. Die Bezeichnung soll, so meine Recherchen, die Abkürzung in Schweizerdeutsch für „Luzerner Kaffee“ sein, den man mit Apfel- oder Birnenschnaps trinkt. Welche Rolle er spielt? Am besten selber lesen!

F.  Stephan Auch